Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Zum Glück gibt’s Whatsapp

22.01.2014 • 19:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das mit den versetzten Semesterferien sieht ja auf den ersten Blick aus wie eine gute Idee. Auf den zweiten leider nur für die Hoteliers in den Skigebieten und für die ÖBB, die sich das Anhängen von Extra-Waggons erspart und im Zuge dessen viele Beschwerden wegen gröberer Verspätungen aufgrund von zu hohem Passagieraufkommen.

Für die Kinder ist es, wie man hier in Wien sagt, voll verkoffert. Es sei denn, ihre Erzeuger und deren Erzeuger haben einen engen und extrem tief verwurzelten Heimat-Begriff: Ziehen also ihr Leben lang niemals von jenem gesegneten Ort weg, an dem ihre Ahnen und Urahnen und Ururahnen sich einst angesiedelt und für alle Zeiten niedergelassen haben. Gnade Gotte wenn sie das doch tun, und dann vielleicht gar auch noch so vermessen sind, sich – als hätten die Mütter im Ländle nicht mehr als genug prächtige Töchter und ghörige Söhne – eine Liebschaft aus einem entfernten Landstrich suchen. Dann schaut das Leben so aus: die eigenen Wiener Kinder haben in der ersten Woche Semesterferien, die Vorarlberger Cousinen in der zweiten und die oberösterreichischen Cousins in der dritten. (Energieferien, wie die Mutter immer noch sagt. Energieferien? Was sind Energieferien? Vergesst es, lange vorbei.)

Jedenfalls: kein gegenseitiger Kinderaustausch mit dem Mühlviertel (ich die halben Ferien deine, du die halben Ferien meine) dieses Jahr, kein Cousinenbesuch aus dem Ländle mit Mariahilferstraßenshoppingkrawutzikaputzi. Jeder bleibt, wo er ist, bzw. fährt irgendwo hin, wo die andere nicht sein kann, da sie in der Schule sitzt. Die Kinder sind beleidigt, gemein und unfair, sagen die Kinder, wo wir uns doch eh schon so selten sehen.

Ja. Zum Glück gibt’s Whatsapp. Facebook interessiert Kinder und Jugendliche ja gar nicht mehr, wie man liest. Und wie man vor allem merkt, wenn man zum Beispiel im Auftrag ihrer Mutter heimlich das Profil der heranwachsenden Nichte beobachtet, nur um immer wieder festzustellen, dass es seit November nicht mehr aktualisiert wurde. Wo ist das Kind bloß, was macht es? Der junge Mensch treibt sich offenbar andernorts im Internet herum, an Plätzen, an denen man nicht ständig auf Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten trifft, die sich in Status und Kommentaren auf halblustig wichtig machen, peinliche Lebensweisheiten und traurige Fotos von sich und ihren langweiligen Leben posten.

Sie sind lieber auf Whatsapp, wo es leichter ist, Eltern und andere unerwünschte Beobachter von ihren Aktivitäten fern- und aus ihren Konversationen rauszuhalten. Und man kann auf Whatsapp ganz leicht Cousinen-Banden bilden, um so konstanten Kontakt zu weit entfernten Lieblingscousinen zu halten, deren Zusammenführung das Semester-Feriensystem verhindert: mindestens bis 2017. Denn sowohl 2015 und 2016 gibt es fix keine Ferienkongruenz. Urunfair, ja.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.