Das Drama um Flug „Rheintal 102“

14.02.2014 • 17:45 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Gut eine Woche nach dem Absturz in den See wurde das Wrack der Rheintalflug-Commander geborgen. Fotos: vn-Archiv (r. mohr)
Gut eine Woche nach dem Absturz in den See wurde das Wrack der Rheintalflug-Commander geborgen. Fotos: vn-Archiv (r. mohr)

Vor 25 Jahren stürzte eine Rheintalflug-Maschine in den See: Elf Menschen starben.

Schwarzach. Ein grauer, nebliger Donnerstag im Februar 1989. In Wien wartet Flug „Rheintal 102“ auf die Starterlaubnis. Brigitte Seewald, Miteigentümerin der Rheintalflug, sitzt an diesem Vormittag mit Kopilot Hans Rainer im Cockpit. Am Zielflughafen Hohenems behindert dichter Nebel die Sicht. Mit 36 Minuten Verspätung hebt die „Gulfstream American Commander Jetprop 900“ mit neun Passagieren an Bord ab. Es sollte ein Flug in den Tod werden.

„Bald erste Befürchtungen“

In Vorarlberg wartet zu dieser Zeit Arnulf Häfele auf den Flieger aus Wien. Sozialminister Alfred Dallinger sollte im Ländle einen Streit innerhalb der Gewerkschaft schlichten. Häfele, damals SPÖ-Vorsitzender, war ebenfalls mit Dallinger verabredet. „Wir haben von der Verspätung der Maschine gehört“, erinnert sich der ehemalige Spitzenpolitiker im VN-Gespräch. Schon da habe es erste Befürchtungen gegeben, dass etwas passiert sein könnte.

„Anzeichen verdichteten sich“

Zur selben Zeit im Landhaus Bregenz: Beim damaligen Landesstatthalter und Verkehrsreferenten Siegfried Gasser klingelt das Telefon. „Rolf Seewald hat mich kontaktiert und mir gesagt, dass seine Frau noch nicht angekommen sei.“ Er habe gleich Kontakt mit dem Tower in Altenrhein aufgenommen.

„Aber auch dort wusste zu diesem Zeitpunkt

noch niemand, was passiert war.“ Mit jeder Minute, die verging, hätten sich die Anzeichen auf ein Unglück verdichtet. Heute beschreibt Gasser die Situation als „emotional bewegend“. Schließlich sei er auch persönlich mit Brigitte und Rolf Seewald gut bekannt gewesen.

Der verhängnisvolle Flug lief lange Zeit planmäßig. Gegen 10.35 Uhr, eine gute Viertelstunde vor der geplanten Landung in Hohenems, meldete sich Copilot Hans Rainer bei der Flugsicherung. Dort wurde die Besatzung angewiesen, auf den Flughafen Altenrhein auszuweichen. In der Zeitungsausgabe vom 24. Februar 1989 schildern die VN die letzten Minuten des Fluges im Detail. So habe sich die erfahrene Pilotin für eine Landung auf Piste 10 entschieden. „Dazu holte sie nach dem Überfliegen des Flugplatzes in einer Schleife aus – zu einem Flug in die Katastrophe“, wie die VN in ihrer damaligen Ausgabe schrieben.

Bugrad in der Bucht gefunden

Arnulf Häfele hatte sich mittlerweile auf den Weg in die Schweiz gemacht, um sich vor Ort zu erkundigen. Auch Angehörige von Passagieren seien bereits da gewesen. „Da gab es noch Hoffnung“. Wenig später fand ein Fischer das Bugrad der Maschine in der Rorschacher Bucht. Der Absturz der Rheintalflug wurde zur Gewissheit.

Zweifel an Unfallursache

Brigitte Seewald war 43 Jahre alt. Sie war Österreichs erste Berufspilotin und mit über 8000 Flugstunden sehr erfahren. Was zum Absturz der Commander AC 90 geführt hat, wurde erst Jahre später ermittelt. Im Juli 1991 schrieb die Berner Flugunfallkommission in ihrem Abschlussbericht, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen sei, dass nicht ein technischer Defekt, sondern menschliches Versagen zum Absturz der Maschine geführt habe.

Eine Version, an der es bis heute Zweifel gibt. Bei Untersuchungen des Wracks wurde ein stark abgenutztes Seil des Landeklappen-Antriebs festgestellt, ein zweites war sogar gerissen. Rolf Seewald schloss schon damals aus, dass „seine Frau im Nebel die Orientierung verloren hat“. Später sprach er von einer „plötzlichen Belastung, wodurch das Seil zu einer Landeklappe riss. Sie hatte keine Chance.“

Keine Überlebenschancen

Chancenlos waren auch die Passagiere an Bord der Maschine. Der Aufprall auf dem Wasser war von einer derartigen Wucht, dass die Sitze aus ihren Halterungen gerissen wurden – die Insassen waren auf der Stelle tot. Etwa dreieinhalb Stunden nach dem Absturz war bereits eine deutsche U-Boot-Besatzung vor Ort. Gegen 17.45 Uhr wurde die Maschine 1,5 Kilometer vom Ufer entfernt in 76 Metern Tiefe geortet. Es gab keine Anzeichen auf Überlebende. Der schlimmste Unfall in der Geschichte der zivilen Luftfahrt des Landes wurde Realität.

Langwierige Bergung

Das öffentliche Interesse am Unglück war riesig. Auch deshalb, weil ein österreichisches Regierungsmitglied an Bord der Maschine war. „Ich stand mit dem Bundeskanzler in Kontakt“, erinnert sich Siegfried Gasser im VN-Gespräch. Medien haben ausführlich berichtet. Auch über die Bergungsarbeiten, die immer wieder abgebrochen werden mussten. Der unruhige See hatte den Einsatzkräften zu schaffen gemacht. In der Nacht des 2. März war es dann soweit. Das Wrack der Commander AC 90 mit dem Flugkennzeichen OE-FCS wurde aus dem Wasser gehoben.

Wir sind nach Rorschach gefahren, um uns vor Ort zu erkundigen. Anfangs gab es noch Hoffnung.

Arnulf Häfele, Zeitzeuge
Siegfried Gasser: Große persönliche Betroffenheit.
Siegfried Gasser: Große persönliche Betroffenheit.
Ein deutscher Militärhubschrauber brachte das Wrack an Land.
Ein deutscher Militärhubschrauber brachte das Wrack an Land.
Die Insassen hatten keine Über­lebens-Chance.
Die Insassen hatten keine Über­lebens-Chance.
Prominentes Opfer: Sozial­minister Alfred Dallinger.
Prominentes Opfer: Sozial­minister Alfred Dallinger.
24. Februar 1989: die VN berichten über das Absturz-Drama in den See.
24. Februar 1989: die VN berichten über das Absturz-Drama in den See.
VN vom 3. März 1989: Berichte über die Bergung des Flugzeugwracks.
VN vom 3. März 1989: Berichte über die Bergung des Flugzeugwracks.
Unmittelbar nach dem Absturz begann die Suche im Wasser.
Unmittelbar nach dem Absturz begann die Suche im Wasser.

Donnerstag, 23. Februar
9 Uhr: Brigitte Seewald und Copilot Hans Rainer warten auf die Startfreigabe für Flug „Rheintal 102“ in Wien. An Bord der Commander AC 90 sind neben der Besatzung neun Passagiere – unter ihnen auch Sozialminister Alfred Dallinger.

Donnerstag, 23. Februar
10.35 Uhr: Copilot Rainer nimmt mit der Flugsicherung in Hohenems Kontakt auf. Er wird angewiesen, wegen Nebel den Flughafen Altenrhein anzusteuern.

Donnerstag, 23. Februar
10.55 Uhr: Letzter Funkkontakt mit dem Tower in Altenrhein. Die Maschine fliegt eine Schleife erst über den Flugplatz, dann übers Wasser und soll auf Piste 10 landen.

Donnerstag, 23. Februar
11.10 Uhr: Der Funkkontakt ist abgerissen, das Cockpit meldet sich nicht mehr. Der Tower informiert die Polizei über das Verschwinden der Maschine.

Donnerstag, 23. Februar
11.20 Uhr: Internationaler Seenot­alarm – in der Rorschacher Bucht werden große Mengen Flugbenzin auf der Wasseroberfläche wahrgenommen. Einige Zeit später findet ein Fischer das Bugrad der Maschine und weitere Wrackteile.

Donnerstag, 23. Februar
15.30 Uhr: Mittlerweile ist das kleine U-Boot „Geo“, das vorübergehend in Romanshorn stationiert war, an der Unglücksstelle angekommen und hat sofort die Suche nach dem Wrack und möglichen Überlebenden aufgenommen. Angehörige und Freunde von Passagieren haben sich am Hafen in Rorschach versammelt.

Donnerstag, 23. Februar
17.45 Uhr: Das Flugzeugwrack wurde vom U-Boot geortet. Es gab keine Überlebenden in der Maschine.

Montag, 27. Februar: In einem emotionalen Interview mit den VN wehrt sich Rheintalflug-Chef Rolf Seewald gegen verschiedenste Spekulationen über die Unglücksursache. „Dass Brigitte mit ihrer Maschine im Nebel die Orientierung verloren hat, das halte ich für unmöglich“, sagte er.

Dienstag, 28. Februar: Ein weiterer Versuch, das Wrack zu bergen, scheitert. Das schlechte Wetter sorgt für eine erneute Verschiebung der Bergemaßnahmen.

Donnerstag, 2. März: Ein erneuter Versuch, das Wrack zu heben, startet schon in der Früh. Gegen Mitternacht gelingt es schließlich, die verunglückte Maschine an die Wasseroberfläche zu befördern und später in den Hafen zu bringen.

Freitag, 3. März: Die elf Opfer des Unglücks werden gut eine Woche nach dem Absturz aus der Maschine geborgen. Gleichzeitig können die Ermittlungen zum Unfallhergang beginnen.