Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

23 Jahre, 750 Kilometer

19.02.2014 • 19:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

An ihrem ersten Tag Gymnasium waren die Kinder nur zwei Stunden dort, aber als sie wieder herauskamen, waren sie drei Jahre älter. Das ging dann zum Glück nicht in dem Tempo weiter, aber: Plötzlich hatten sie acht Jahrgänge älterer Mädchen vor und über sich; eine Offenbarung. Boah … So kann man also auch ausschauen. So kann man sich also auch anziehen. So kann man Haare auch färben, und, aha, da und dort rasieren. Und man kann sich so Sachen ins Gesicht stecken, interessant. Und schau einmal die Fingernägel: hui! Nicht, dass die Kinder über die aktuellen Vorgänge in Mode und Society nicht informiert wären: Man liest regelmäßig und mit unbedingtem Glauben Bravo, Hey, Seitenblicke-Magazin, Woman, In-Style und, wenn es die Mutter anschleppt, Vogue: Man kennt sich aus. Aber es ist etwas anderes, derlei in der unmittelbaren Schulumgebung vorgelebt zu bekommen. Kann ich bunte Strähnen haben? (Nein.) Als Frühjahrschuhe habe ich mir gedacht, so bunte Sneakers. (Mal sehen.) „Darf ich deinen Nagellack?“ „Ja, meinen Nagellack darfst du. NEHMEN. Aber noch einen Lippenbalsam darfst du nicht.“

„Warum nicht?“

„Du hast schon so viele.“

„Aber keinen mit Erdbeergeschmack!

„Du hast schon zehn Lipbalms.“

„Und du hast schon 15 Paar Stiefeletten, und du kannst vielleicht dem Papa erzählen, dass du die da schon ewig hast, aber ich weiß, dass sie neu sind und du die Sohlen am Balkon zerkratzt hast.“

„Hmm, äh, tja. Wenn du einen elften Lippenbalsam willst, dann kauf ihn dir selbst.“

„Ich habe kein Geld!“

„Verdien dir was.“

„Ich könnte Babysitten!“

„Gute Idee, sobald du selber keinen Babysitter mehr brauchst.“

„Hm, ja.“

Die Älteren haben nicht nur viel die cooleren Nagellacke und viel die tolleren Sneakers, sie haben auch Piercings. Lippen-, Zungen-, Brauen-, Nasenpiercings.

„Wenn ich sechzehn bin, denke ich. Oder?“

„Sechzehn? Schauma mal.“

„Gut, dann will ich mit 16 so ein Nasenpiercing. Ein Mädchen in der Schule hat so eins, mit einem Glitzerstein. Das sieht total cool aus.“

„Mir egal, ist deine Nase. Ich war ja dagegen, Löcher in deine Ohren zu schießen, aber du wolltest das unbedingt. Also ist mir die Nase auch egal.“

„Gut. Aber tätowieren lasse ich mich nicht, glaub ich.“

„Wie du meinst. Es ist, langfristig gesehen, auch deine Haut.“

„Hättest du was dagegen?“

„Na, jetzt de-fi-ni-tiv schon noch. Und noch ziemlich lange, mach dir keine Hoffnungen.“

„Aber später!“

„Da könnte ich ja schlecht grundsätzlich etwas dagegen haben, oder.“

„Aber ich weiß eh nicht, ob es mir gefällt.“

„Gut.“

„Hat es dir die Oma eigentlich erlaubt?“

„Hahahaha.“

„Nicht?“

„Sagen wir: Ich war schon 23 und wohnte 750 Kilometer weit weg. Sagt dir das was?“

„Das sagt mir was. Ich brauche einen Erdbeer-Lipbalsam.“

„Jajaja.“

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.