Cover Girls und Whistleblowers

20.02.2014 • 18:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Sprachwissenschaftlerin Heike Ortner von der Uni Innsbruck. 
Sprachwissenschaftlerin Heike Ortner von der Uni Innsbruck. 

Englische Wörter, so weit das Auge reicht. Was passiert mit unserer Muttersprache?

Schwarzach. Wir gehen zum Hairstyler – schon längst nicht mehr zum Friseur. Wir chillen statt uns auszuruhen. Wir machen Small Talk anstatt zu plaudern, wir supporten statt unterstützen, sind tough statt robust, wir stehen auf Fair Trade, Fast Food, belächeln Loser und treffen uns an Hotspots. Wir bewundern schöne Frauen in High Heels (gewiss nicht in Stöckelschuhen). Wir wellnessen und recyceln, werden zu Softies gegenüber Underdogs und wähnen uns in einer Midlife Crisis, wenn wir nicht sofort checken, dass der Headliner bei einem Open Air-Event die Hauptband ist und beim Eishockey ein Try Out-Spieler ein Testspieler. Wie eine Sturmflut überschwemmen Anglizismen die deutsche Sprache.

Entlehnungen

Brauchen wir deshalb plötzlich einen Tag der Muttersprache? Damit wir vor lauter englischen Begriffen noch wissen, dass wir überhaupt eine haben? „Es gibt viele Entlehnungen aus dem Englischen in unserer Sprache, gewiss“, bestätigt auch Sprachwissenschaftlerin Dr. Heike Ortner (34) von der Universität Innsbruck. Die aus Sicht eines Muttersprache-Liebhabers gute Nachricht aus dem Mund der Expertin: „Der Höhepunkt dieser Entwicklung dürfte erreicht sein. Es ist bereits ein leichter Trend in die Gegenrichtung zu beobachten“, sagt Heike Ortner. Wortentlehnungen, so hält Ortner fest, hat es schon immer gegeben. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren es lateinische und französische Wörter, die in die deutsche Sprache eindrangen. Plötzlich kam dann Englisch.

Prestigesache

„Es ist jedoch überhaupt nicht gesagt, dass Englisch auch in der Zukunft der dominierende Einfluss sein wird. Vielleicht ist es in 50 Jahren Chinesisch“, stellt die Expertin bemerkenswerte Überlegungen an. Inwieweit unsere Sprachgewohnheiten zwischenzeitlich wieder einen deutlichen Schwenk Richtung Muttersprache machen, lässt sich schwer voraussagen. Die Haltung zu Personen mit Vorliebe für Anglizismen habe sich jedenfalls gespalten. „Es gibt Leute, die definieren sich durch eine Sprache, die gespickt ist mit Anglizismen. Damit können sie sich inszenieren, es verleiht ihnen Prestige und kommt in bestimmten Kreisen auch gut an. Andererseits gibt es auch schon eine deutliche Ablehnung dieses Phänomens“, berichtet die Sprachwissenschaftlerin.

Verein „deutsche Sprache“

Auch Jugendliche würden in ihrer permanenten Suche nach einer eigenen Sprache nicht automatisch im Anglizismen-Teich fischen, weiß Ortner. So figurieren zum Beispiel Kreationen wie „hartzen“ (umgangssprachliche Bezeichnung für das Bestreiten des Lebensunterhalts, basierend auf Hartz IV) und „Gammelfleischparty“ (Bezeichnung für Feste von über 30-Jährigen) unter den Modewörtern des Jahres bei Jugendlichen. Dem Kampf gegen die Anglizismen verschworen hat sich der „Verein Deutsche Sprache“. Jedes Jahr verleiht der Verein einen höhnischen Preis für besondere sprachliche Fehlleistungen. Eine der Preisträgerinnen wurde dabei die Modeschöpferin Jil Sander mit einem einzigartigen sprachlichen Erguss (siehe nebenstehender Text).

Ist die deutsche Sprache inmitten des Dschungels aus Anglizismen wieder im Vormarsch? Viele würden es wünschen. 
Ist die deutsche Sprache inmitten des Dschungels aus Anglizismen wieder im Vormarsch? Viele würden es wünschen.