Funken im Laufe der Zeit

Wetter / 06.03.2014 • 18:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Historiker Manfred Tschaikner bei der Arbeit im Vorarlberger Landesarchiv in Bregenz.   Foto: VN/Paulitsch
Der Historiker Manfred Tschaikner bei der Arbeit im Vorarlberger Landesarchiv in Bregenz.   Foto: VN/Paulitsch

Der Historiker Manfred Tschaikner weiß, wie sich das Funkenbrauchtum entwickelt hat. 

bregenz. (VN-stm) Wenn am Wochenende wieder zahlreiche Vorarlberger zu den Funken im ganzen Land pilgern und riesengroße Holzhaufen mit oder ohne Hexe obenauf niedergebrannt werden, schaut Manfred Tschaikner ganz genau hin. Der Historiker forscht schon seit Jahrzehnten zum Themenkreis Hexenverbrennungen, Magie und Schatzgräberei. Kaum ein Brauchtum berührt sein Interessensgebiet so sehr wie die traditionellen Festivitäten, mit denen in Vorarlberg der Winter verabschiedet und der Frühling willkommen geheißen wird.

Scheibenschlagen als Ursprung

Vieles deute darauf hin, dass der Ursprung des Funkenbrauchtums im sogenannten „Scheibenschlagen“ im späten Mittelalter liege, sagt Tschaikner. Dabei wurden Holzscheiben im Feuer zum Glühen gebracht und anschließend mithilfe von Stecken hoch in die Luft geschleudert. Das Feuer war nicht Zweck an sich, sondern diente nur dem Erhitzen der Scheiben. Was sich die Menschen damals wirklich vorgestellt hätten, könne man heutzutage nicht mehr feststellen, so Tschaikner. Unbestritten sei aber, dass dieser Brauch eine wichtige soziale Funktion erfüllte. Ähnlich wie die Fastnacht diente auch das Scheibenschlagen jungen, unverheirateten Männern als Ventil, um sich über die Obrigkeiten und sozialen Umgangsformen hinwegzusetzen und Kritik an sozialen Missständen zu üben. Gleichzeitig wuchsen die Männer dadurch in die Gesellschaft hinein.

Das sei aber keineswegs mit dem Brauch zu vergleichen, der heute praktiziert werde. „Es wäre der größte Blödsinn, wenn man sagen würde: Funken gibt es seit Tausenden von Jahren“, betont Tschaikner. Erst mit der Aufklärung und der industriellen Revolution habe der Funken seine moderne Ausprägung erfahren – als organisierte Festlichkeit zum Ausklang des Faschings mit den bekannten Attraktionen. Es seien vor allem Industriellenfamilien im Raum Bludenz gewesen, die diese Entwicklung vorangetrieben hätten. Am Ende des 19. Jahrhunderts richteten sie die ersten Funken aus. Als Publikumsmagnet diente damals die Verbrennung einer Hexe auf einem großen Scheiterhaufen. Der Hintergedanke sei ein einfacher gewesen: Die Industriellen hätten durch die Bezugnahme auf „alte“ Bräuche versucht, eine Identifikationsmöglichkeit zu schaffen. Denn solche Möglichkeiten seien den Menschen im Zuge der Aufklärung zusehends abhanden gekommen. Entsprechend groß war der Widerstand der katholischen Kirche, die in dem vermeintlich „heidnischen“ Brauchtum eine Gefahr für ihre Autorität sah.

Identitätsstiftendes Element

Heute sei der Funken vor allem ein „Event“, meint Tschaikner. Mit einer Funkenhexe allein seien die Menschen nämlich nicht mehr zu begeistern. Da müssten schon Musik, Klangfeuerwerk und eine begleitende Party geboten werden. Soziale Bedeutung habe das Brauchtum immer noch: Einerseits als Abschluss des Faschings, andererseits – und gerade in Vorarlberg – als identitätsstiftendes Element.

Nur an einem Punkt stößt sich der 56-Jährige. Die Verbrennung einer Hexe findet er mit Blick auf die Geschichte schlicht einen „pietätlosen Umgang“ mit der Erinnerung an diese Epoche: „Das widerspricht meiner Vorstellung von Kultur.“ Verbieten lassen aus Gründen der „political correctness“ würde er die Hexe auf dem Funken deswegen aber nicht. Damit würden die Menschen sich nur „künstlich“ einer Vorschrift unterwerfen – und das hält Tschaikner für sinnlos.

Es ist Blödsinn zu sagen: Funken gibt es seit Jahrtausenden

Manfred Tschaikner

Zur Person

Manfred Tschaikner

Mittelalter-Experte

Geboren: 14. August 1957

Ausbildung: Studium der Geschichtswissenschaften und Germanistik

Laufbahn: Gymnasiallehrer BG Bludenz, Historiker im Vorarlberger Landesarchiv, Dozent an der Uni Wien

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