HIV bedeutet ein Leben im Abseits

Vorarlberg / 14.03.2014 • 18:47 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

HIV-Betroffene kämpfen mit Vorurteilen. Die Pflege als neue Herausforderung.

Bregenz. (VN-mm) Über 220 Teilnehmer, das war neuer Rekord bei den 5. Vorarlberger Aids-Gesprächen. Allerdings tut die breite Auseinandersetzung mit der Thematik bitter not, denn Diskriminierung gehört für HIV-Infizierte auch 30 Jahre nach dem ersten Auftreten der Immunschwächekrankheit immer noch zum Alltag. „Besonders im medizinischen Bereich“, weiß Wiltrut Stefanek, Obfrau eines Wiener Selbsthilfevereins und Trägerin des HI-Virus. Vor allem Zahnärzte und Gynäkologen lehnen die Behandlung von HIV-Infizieren oft ab.

Vorarlberg macht da keine Ausnahme, bestätigt Aids-hilfe-Leiterin Renate Fleisch. Ein weiteres Problem, das auf Betroffene zukommt, ist jenes der Pflege im Alter. „Bessere Medikamente sichern HIV-Positiven heute eine nahezu normale Lebenserwartung“, sagt Dr. Christian Zagler, Lungenfacharzt am Otto-Wagner-Spital in Wien, wo jährlich rund 1000 HIV-Patienten ambulant und stationär betreut werden.

Doch die Suche nach Pflegeheimplätzen ist schwierig. In Vorarlberg sind drei der 142 von der Aidshilfe betreuten Klienten in Pflegeheimen untergebracht. „Beim Personal zeigen sich große Ängste“, so Fleisch. Deshalb wird von der Aidshilfe aufgeklärt und Begleitung angeboten. Auf dieser Basis funktioniere die Heimbetreuung recht gut. Es gilt laut Fleisch jedoch, die Anstrengungen, bei der Pflege adäquate Lösungen zu finden, auf institutioneller und politischer Ebene zu verstärken. Eine ähnliche Problematik stellt sich im ambulanten Bereich. Dort sind vorwiegend Mobile Hilfsdienste bei HIV-Personen im Einsatz. Hier führt die Aidshilfe ebenfalls Schulungen durch. „Neben dem Abbau von Vorbehalten geht es auch um die Gewährleistung der Schweigepflicht“, erklärt Renate Fleisch. Man sei deshalb mit den Verantwortlichen übereingekommen, Personen für solche Aufgaben speziell auszusuchen.

Überschätztes Infektionsrisiko

Auch die gestrigen Aids-Gespräche drehten sich um Medizin, Pflege und Betreuung. „Wir möchten wichtige Aspekte aufzeigen und die fachliche Auseinandersetzung mit den befassten Stellen fördern“, erläutert die Aidshilfe-Leiterin die Ziele der alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung. Für Engelbert Zankl, Mitarbeiter einer Therapie-Hotline in München, gibt es nur einen Weg, „irrationale Ängste“ im Zusammenhang mit HIV und Aids abzubauen, nämlich den der klaren Information. Eine Aussage dazu: „Das Infektionspotenzial von HIV wird heillos überschätzt.“

Dr. Christian Zagler unterstreicht: „Eine erfolgreiche HIV-Therapie reduziert das Risiko, das Virus sexuell weiterzugeben, um 96 Prozent.“ Laut Zagler wäre es wichtig, HIV-Träger möglichst früh zu diagnostizieren. Derzeit wird die Hälfte der Neudiagnosen in einem schon fortgeschrittenen Stadium gestellt. Was Pflege und Betreuung angehen, sei jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit zu respektieren, so Doris Steiner, Stationsleiterin im Otto-Wagner-Spital. Vom Personal erfordere das hohe Flexibilität, Kreativität und den Mut, persönliche Grenzen zu setzen.