Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Gehört der Tisch jetzt dir allein?

19.03.2014 • 18:51 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es geht los. In der Früh erstes Türknallen: DU VERSTEHST MICH NICHT!!! KEINER HIER VERSTEHT MICH!!! Es ging um ein Leiberl. Die Mutter meint, man müsse nicht immer dasselbe, mittlerweile etwas enge Leiberl anziehen, noch dazu, wo es seit Wochen einen Riss hat. HÄTTEST DU IHN HALT GEFLICKT! Jaja. Eine andere, eine bessere Mutter hätte das getan, eine, die nicht den ganzen Tag vor dem Computer sitzt, wie die fleischgewordene Vernachlässigung. Wogegen der Nachwuchs allerdings Instrumente hat, zum Beispiel, wenn die Mutter nicht rechtzeitig ins drei Straßen entfernte Büro geflüchtet ist. Oder nicht ins Büro flüchten konnte: Kürzlich fieberte einer der Fortgepflanzten leicht, also verrichtete die Erzeugerin ihre Erwerbsarbeit mit möglichster Konzentration zu Hause am Esstisch, jedenfalls, bis sich die Gestalt des Kindes langsam ins Bild schob, genau in der Fluchtachse rechts neben dem Bildschirm, unübersehbar, wo es sich in einen Sessel legte, die Beine über die Lehne schwang und dann einfach nur so dort saß und mit einem leeren, gelangweilten Blick, der ganz knapp an der Mutter vorbeizielte.

„Was machst du da?“

„Nichts?“

„Wieso tust du nichts ausgerechnet an dem Tisch, an dem ich arbeiten muss?“

„Seit wann darf ich nicht mehr an unserem Esstisch sitzen? Ist das jetzt dein Tisch?“

„Du starrst mich an. Ich kann nicht arbeiten, wenn du mich anstarrst.“

„Ich starre nicht. Ich betrachte das Bild da hinter dir.“

„Ich kann nicht arbeiten, wenn du hinter mir Bilder betrachtest. Tu etwas!“

„Weiß nicht was.“

„Lies was.“

„Mag nicht.“

„Ruf Oma und Opa an. Die haben schon ewig nichts mehr von dir gehört.“

„Die machen doch jetzt Mittagsschlaf.“

„Ach ja, stimmt. Und ich muss jetzt arbeiten.“

„Du checkst doch eh nur dein Facebook.“

„Ich ar-bei-te. Und wenn ich um diese Zeit, meiner mir qua Schulpflicht gesetzlich zustehenden Arbeitszeit, ins Facebook schauen würde, wär’s trotzdem meine Sache.“

„Aber ich darf nicht Facebook!“

„Nein.“

„Warum darfst du Facebook, wenn ich nicht darf?“

„Waaaaarte. Da bieten sich mehrere Antwort-Möglichkeiten an. Erstens: Du bist ein Kind. Zweitens: Ich bin erwachsen. Drittens: Ich bin der Bestimmer. Viertens: Ich bin die Bezahlerin des Internets. Fünftens …“

„Darf ich dann wenigstens fernsehen?“

„Ja, biiiiiitte. So lange, bis ich hier fertig bin.“

„Du kannst ja noch ein bisschen facebooken.“

„Zupf dich, bevor ich mir’s anders überlege.“

Darum ging’s natürlich, ums Fernsehen. Während es beim Leiberl auch darum ging, dass das Kind erst kürzlich moniert hatte, es habe nichts mehr anzuziehen, alle seine Leiberl seien zu klein oder kaputt, man müsse mit ihm shoppen gehen. Man ging mit ihm shoppen und kaufte Leiberl, die jetzt aber offenbar alle zu groß und nicht kaputt genug sind. DU VERSTEHST MICH NICHT!!!! Ja, das ist jetzt wohl öfter so.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.