Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Selber schuld

16.04.2014 • 18:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ostern auf dem Land. Es ist sommergrün und winterkalt, und kaum fängt man an, das Beet umzugraben, sprüht einen ein bitterkalter Regen ein, versetzt mit . . . Sind das Schneeflocken? Ist das ernsthaft Schnee? Echt jetzt? Jetzt noch?

Man entschlüpft den Gummistiefeln und geht wieder hinein. Gut, dann eben der elende Frühjahrsputz, den man immer aufschiebt, nicht seit Tagen, nicht seit Wochen, sondern seit Jahren schon, weil es draußen immer so viel zu tun gibt und weil man nicht drin sein möchte bei dem schönen Wetter. Dabei gibt es drinnen durchaus Handlungsbedarf. All die vernachlässigten, um nicht zu sagen versifften Winkel, von den man sich immer denkt: Das sollte einmal jemand ordentlich saubermachen. Immer wieder denkt man sich das, aber nie macht es einer, Jahr um Jahr nicht, niemand, da nicht, und dort nicht, und dort hinten sowieso nicht. Jemand sollte das machen, dringendst.

Kinder, ich hätte da eine Idee.

Hahaha.

Immerhin: Eins der Kinder hat gestern abgewaschen, freiwillig, von sich aus, man harrt gespannt der Wünsche, die heute an einen herangetragen werden; da kommt ­etwas, ganz gewiss. Vermutlich geht es um die zur Geburtstagsparty zugelassene Höchstpersonenanzahl, sieben, hab ich gesagt, da fährt die Eisenbahn drüber, Ende Debatte.

Waaaaaas???? Nur sieben????? Du machst mich zu einer Ausgestoßenen! Das geht nicht!!!

Was bedeuten die Worte Ende und Debatte in deiner Sprache?

Mama, bitteeeeee! Zehn minimum!

Nein. Die Arbeit hab dann ich wieder.

Ich helfe!!

Hahaha.

Mit dem Helfen ist es so eine Sache. Die beiden erwerbstätigen Erziehungsberechtigen haben beide früh und jeder für sich entschieden, dass es weniger nervenaufreibend und sehr viel friedlicher ist, es – also alles – selbst zu machen, als es von unwilligem Nachwuchs einzufordern. Tatsächlich ist man nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach zu erschöpft, um vom Kindsvolk Hilfe bei der Hausarbeit zu erbetteln. Abräumen, abwaschen, Wäsche aufhängen, bügeln, staubsaugen: Es ist weniger anstrengend, es selbst zu machen. Schlecht, natürlich. Selber schuld, wenn man nun ungläubig in der Küchentür steht und fast fertig ausgewachsene Teenager dabei beoabchtet, wie sie keine Ahnung haben, wie man eine Spülmaschine einschaltet.

Unsere Schuld, unsere Schuld, unsere ganz alleinige Schuld. Aber damit nicht genug, denn dieses Generalversagen wird einem schon jetzt wie ein nasser Fetzen um die Ohren gehauen: Wie sollen wir je allein zurechtkommen, wenn ihr euch weigert, uns die elementaren Überlebensgrundlagen beizubringen? Waren Oma und Opa auch so verantwortunglos?

Oh, nein, das waren sie nicht. Das Gerät da drüben nennt man übrigens Waschmaschine. Ich zeig dir jetzt, was man damit macht.

Sorry, keine Zeit, ich muss jetzt rüber zur Dings, frohen Frühjahrsputz noch.

Danke, aber ich glaube, ich verschieb ihn jetzt doch auf nächstes Jahr.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.