Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Auf einszweidrei!

14.05.2014 • 16:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Was die Oma auch irgendwie besser gemacht hat als die Mutter: das mit dem Essen. Allerdings: Es kann für meine Mutter auch nicht schön gewesen sein, drei Kindern dabei zuzuschauen, wie sie über das Sonntagmittagsessen mit einen dezibelstarken Soundtrack aus Würgegeräuschen legten, weil sie die eine, von uneinsichtigen Erwachsenen vorgeschriebene Mindest-Kohlsprosse hinunterschlucken, im Ganzen, um möglichst wenig vom Geschmack abzukriegen, gemeinsam auf einszweidrei: gulp, WÄÄÄÄÄAAAAAH! Erstaunlicherweise schmecken Kohlsprossen heute viel besser als der Sprossenkohl früher, aber es ist beim Sprossenkohl halt ähnlich wie beim Bier und beim Wein: Nur erwachsene Papillen reagieren darauf positiv und registrieren das als wohlschmeckend. Weshalb die erwachsene Sprossenkohlverächterin nun einerseits die grünen Kugeln (gekocht und in Butter zart nachgebraten) ausgesprochen gern verzehrt. Und andererseits beim Essen ähnlich konsequent vorgeht wie beim Aufräumen, also so hart und unnachgiebig wie löchriger Luftballon.

Wobei man auch hier das mütterliche Vorbild vor Augen hat, das beim vierten Kind dann einfach keine Lust auf Würgegeräusche am Tisch mehr hatte, und in Folge dessen dieses Kind dessen Wünschen gemäß hauptsächlich mit Nutellabroten und Nudeln mit gesiebter Tomatensoße großzog. Ging auch. Wurde sehr groß, das Kind und hat perfekte Zähne, litt also offenbar an keinen Mangelerscheinungen.

Man selbst hat versucht, den Kindern in den ersten Jahren so viele Vitamine einzuflößen wie möglich, und verspürt nun eine gewisse Abnutzung, die wiederum mit einer höchst gelassenen Gleichgültigkeit kuschelt. Sie sind jetzt schon einen Meter fünfundfünfzig, die restlichen fünfzehn, zwanzig Zentimeter werden sie wohl auch von selber wachsen. Weshalb man ihnen nun so oft Nudeln mit grünem und rotem Pesto serviert, wie die Kinder Nudeln mit grünem und rotem Pesto essen wollen (beziehungsweise selber kochen, was noch besser ist). Und es stellt sich heraus: nach sieben Nudelhauptmahlzeiten hintereinander reicht es selbst Halbwüchsigen, und sie sind für eine gewisse Abwechlsung bereit bzw. dazu, im iPad nach einer alternativen Pastasauce zu googeln.

Jetzt wär’s schön, jemand hätte Bücher erfunden, in denen man nach Rezepten blättern kann. Wäre das super, wenn’s das gäbe und man hätte ein ganzes Regal voll davon.

Mama, wir finden hier schon was. Schau, da, Pasta mit Brokkoli. Das sieht gut aus. Das machen wir jetzt. Schreib du weiter.

Seid ihr ganz sicher? Ihr wisst, dass Brokkoli ein Gemüse ist? Ein GEMÜSE. Wer weiß, was das auslöst in einem Organismus wie dem euren? Habt ihr die Konsequenzen bedacht?

Mutter. Isst du auch mit?

Äh, hmm, danke, ich hab’s nicht so mit Brokkoli. Aber falls ihr was mit Kohlsprossen macht, gerne.

Kohlsprossen??? WÄÄÄÄAAAAH, sicher nicht.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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