Die halbe Stunde mit dem Wolf

Vorarlberg / 01.06.2014 • 21:27 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein Wolf ist seit gut einer Woche Gesprächsthema in Lech. Es kam zu einer Begegnung des Raubtiers mit einem jungen Jäger.   Foto: Reuters
Ein Wolf ist seit gut einer Woche Gesprächsthema in Lech. Es kam zu einer Begegnung des Raubtiers mit einem jungen Jäger.  Foto: Reuters

Der Lecher Jäger Max Walch (28) erlebte eine wohl einzigartige Begegnung.

Lech. Es geschah am Abend des 23. Mai gegen 20.30 Uhr. Jäger Max Walch hatte im Revier Zuppert nahe der Skiabfahrt Richtung Zug allen Grund zur Zufriedenheit. Ihm war der Abschuss von gleich zwei Stück Wild gelungen: einem Schmalspießer (einjähriger männlicher Hirsch) und einem Schmaltier (einjähriges weibliches Hirschtier). Plötzlich passiert das Unerwartete. Von oberhalb von Walchs Versteck nähert sich ein Wolf dem toten Wild. „Er hat mich nicht wahrgenommen. Ich saß nur da und staunte.“

Faszination

Max Walch ist sich hundertprozentig sicher, dass es sich beim kräftigen Tier um einen Wolf handelt. Was seinen Eindruck verstärkt: „Ich konnte ihn ungefähr eine halbe Stunde lang beobachten. Er hat sich bei den getöteten Hirschen aufgehalten und leicht an ihnen gezupft. Gefressen hat er nicht.“ Der Wolf macht auf den jungen Jäger einen sehr gelassenen Eindruck. Die Minuten in unmittelbarer Nähe des offensichtlich wieder nach Vorarlberg kommenden Räubers üben auf ihn eine ganz besondere Faszination aus. „Ich denke,
dass eine solche Begegnung wohl einzigartig bleiben wird“, ist der Weidmann überzeugt.

DNA-Probe im Labor

Bereits am nächsten Tag ist Wildbiologe Hubert Schatz vor Ort. „Ich habe einen Abstrich an der Bissstelle beim Wild gemacht. Die DNA-Probe geht nach Lausanne ins Speziallabor. Wie üblich wird es ein paar Wochen dauern, bis wir ein endgültiges Ergebnis darüber haben, ob es sich beim beobachteten Tier tatsächlich um einen Wolf handelt. Es spricht vieles dafür, aber es gibt auch Dinge, die mich vorsichtig sein lassen. Zum Beispiel das geschilderte Verhalten des Tieres beim getöteten Wild. Dass es sich nicht mehr für die Beute interessiert hat, überrascht mich etwas. Andererseits: Die Beschreibung und das Aussehen des Tieres sprechen natürlich für einen Wolf. Ich würde von einer großen Wahrscheinlichkeit sprechen, dass es sich um einen Wolf handelt. Allerdings: Wir brauchen den absoluten Beweis, den eben nur ein DNA-Test liefern kann“, kommentiert Schatz das Ereignis wissenschaftlich.

In diesem Zusammenhang verweist der im Dienste des Landes stehende Wildbiologe auf eine Beobachtung aus Warth. „Auch da ging der Beobachter davon aus, einen Wolf gesehen zu haben und die Beschreibung war auch glaubwürdig. Was mich da jedoch ein wenig skeptisch stimmte, war der Umstand, dass das gesichtete Tier
bei einem Heustadel beobachtet wurde, also in unmittelbarer Nähe zu einer Siedlung.“ Auf das Ergebnis der Laboruntersuchung in Lausanne wartet Schatz deswegen umso gespannter.

Das Wild reagiert

Für Michael Manhart, den ehemaligen Landesjägermeister und Herr über jenes Revier, in dem Kollege Max Walch die Begegnung mit dem Tier hatte, besteht kein Zweifel darüber, dass der Wolf ein zumindest regelmäßiger Gast am Arlberg ist. „Es gibt mehrere Hinweise auf Wölfe und auch entsprechende Beobachtungen. Vor drei Jahren war die erste“, erzählt der Chef der Lecher Seilbahnen und passionierte Jäger. Laut Manhart muss man sich auf neue Zeiten einstellen. „Das Wild reagiert natürlich mit Unruhe auf einen Jäger wie den Wolf. Das bedeutet: Es wechselt seinen Aufenthaltsort häufiger und ist schwerer zu bejagen.“ Natürlich wartet auch Manhart gespannt auf das Ergebnis der DNA-Auswertung der Bissspuren. „Wir wollen ja wissen, von wo dieses Tier kommt und ob es womöglich auch länger bei uns bleibt.“

Maßnahmenpaket

Das Thema Wolf beschäftigt Jäger, Landwirte, Behörden und Politik schon seit geraumer Zeit. Erst vor wenigen Wochen gelangen einem Feldkircher Hobbyfotografen Bilder von einem Tier, das im Großraum Nenzing gesichtet wurde und bei dem es sich auch aus Sicht von Wildbiologen mit großer Wahrscheinlichkeit um einen Wolf handelte. Das Auftreten des kräftigen Raubtieres in Vorarlberg sorgt natürlich nicht nur für Begeisterung. Besonders Landwirte fürchten um ihre Herdentiere, die ungeschützt eine leichte Beute für den Wolf sind. Alle unmittelbar Betroffenen stellen sich auf eine Präsenz des Wolfes ein. Anlässlich eines „Wolfgipfels“ im Land wurden eine Reihe von Maßnahmen für ein Leben mit dem Wolf vereinbart. Eine Kooperation gibt es dabei auch mit Graubündner Experten. Dort hat sich in der Gegend von Chur bereits ein Wolfsrudel ansässig gemacht.

Vor drei Jahren war zum ersten Mal ein Wolf bei uns.

Michael Manhart

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