Ethisches Kreditwesen

Vorarlberg / 01.06.2014 • 19:41 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die VN hatten zuletzt gegenüber der Financial Times die Nase leicht vorn. Anfang April plädierte ich für Geld als ein „öffentliches Gut“. Im Mai legte ich mit der Vollgeld-Reform nach. Am 24. April widmete Martin Wolf seine FT-Kolumne dem „100%-Geld-Vorschlag“. 100% Geld ist ein Vorläufer des Vollgeldes, das in den 1930er-Jahren von Ökonomen in Chicago und Yale entwickelt und von Präsident Roosevelt geprüft, aber – aufgrund des Wider­standes der Großbanken – nicht umgesetzt wurde. Voriges Jahr nahmen zwei IWF-Ökonomen den Vorschlag unter die Lupe und kamen zum Schluss, dass alle Annahmen der Vordenker zuträfen, inklusive weiterer gar nicht bedachter Vorteile. Während 100% money eine vollständige Hinterlegung aller Bankeinlagen durch Reserven bei der Zentrabank vorsieht, bedürfte Vollgeld keiner Deckung, weil es vollwertiges und insolvenzsicheres Zentralbankgeld ist.

Vollgeld, für das in der Schweiz am 7. Juni eine Volksinitiative startet, ist ein Element einer neuen Geldordnung, das nur in Kombination mit weiteren Reformen für stabile Finanzmärkte, Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung sorgen kann. Vollgeld wirkt über die Geld-Angebotsseite gegen das Aufblähen von Kredit- und Finanzblasen. Nötig ist zusätzlich eine Kreditregulierung auf der Nachfrageseite. Zum einen könnten Finanzkredite, das Geschäftsmodell von Investmentbanken, generell untersagt werden. Die bayrische Verfassung gibt dazu bereits Hinweise: „Das Geld- und Kreditwesen dient der Werteschaffung und der Befriedigung der Bedürfnisse der Bewohner.“ – Und eben nicht der alchemistischen Geldvermehrung. Das Gebot der „Werteschaffung“ kann – und sollte – ganz allgemein verstanden werden: Ökologische, soziale, kulturelle und humane Werte müssen geschaffen, dürfen zumindest nicht zerstört werden. Das hieße aber: Keine Kredite für Atomkraft, Massentierhaltung, Gentechnik oder Fabriken mit unwürdigen Arbeitsverhältnissen. Wie kann das geregelt werden? Indem jedes Investitionsvorhaben ganz selbstverständlich nicht nur auf seine finanzielle „Bonität“ geprüft wird – das ist heute gesetzliche Pflicht der Banken – sondern auch auf seine „ethische Performance“. Biolandwirtschaft, erneuerbare Energien, Fairer Handel, regionale Genossenschaften und ethische Start-ups erhalten günstigere Kredite, Investitionen ohne Gemeinwohl-Mehrwert teurere, und solche, die bei der – demokratisch zu entwickelnden – Gemeinwohl-Prüfung durchfallen, gar keine. Dann dient das Geld- und Kreditwesen der umfassenden „Werteschaffung“.

info@christian-felber.at
Der Salzburger Christian Felber ist freier Publizist und Autor,
der die Idee der Gemeinwohl-Wirtschaft vertritt.

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