Keine Küchen von der Stange

Vorarlberg / 01.06.2014 • 19:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Luise Reutz hat sich ihre Küche in hellen Farben zusammengestellt. Fotos: VN/Hofmeister

Luise Reutz hat sich ihre Küche in hellen Farben zusammengestellt. Fotos: VN/Hofmeister

Auch beim „Betreuten Wohnen“ ist den Mietern nach individueller Gestaltung.

Bludenz. „Durch diese Türe werden wir mit den Füßen voraus getragen.“ Jakob Cehtel lacht verschmitzt, als er das sagt. Doch es ist ihm ernst. Er und seine Frau Gera sind schwer krank. Deshalb haben sie sich für das „Betreute Wohnen“ entschieden. In dem von der VOGEWOSI im Auftrag der Stadt Bludenz errichteten Gebäude in der Spitalgasse fühlt sich das Ehepaar wohl. Seine Meinung zur Kritik an den fehlenden Küchen ist ebenfalls klar. Jakob Cehtel wäre mit einer Standardküche nicht glücklich geworden. Denn: „Das ist unsere letzte Wohnung. Da möchten wir uns einrichten, wie es uns gefällt.“ Diese Ansicht teilen die meisten der insgesamt 30 Mieter.

Betreuung statt Technik

Vor drei Jahren sind sie in die Anlage eingezogen. Vor dem Bau beschäftigte sich Sozialplaner Harald Bertsch lange mit der Thematik. Er besichtigte verschiedenste Projekte und führte Gespräche mit betagten Menschen, um ihre Vorstellungen vom „Betreuten Wohnen“ zu erkunden. „Sie wollen eigentlich wenig, nur in einem losen Verbund mit Gleichgesinnten leben“, hat er dabei erfahren. So
gibt es in den 2- und 3-Zimmerwohnungen keinen Notruf. Ein solcher würde die Mieter monatlich 50 Euro zusätzlich kosten. Fast niemand sah Bedarf gegeben. Stattdessen wird mit dem eingesparten Geld eine Betreuungsperson finanziert, die den Bewohnern bei Behördengängen und anderen Dingen hilft.

Angebote ausverhandelt

Die meisten Mieter siedelten aus gemeinnützigen Mietwohnungen um. „Sie rechneten also gar nicht mit einer Küche“, sagt Bertsch, zumal die VOGEWOSI alle ihre Wohnungen ohne Kücheneinbauten vergibt. Dennoch entschied sich die Stadt Bludenz diesbezüglich für einen serviceorientierten Weg. Sie verhandelte mit drei Küchenanbietern die für die jeweiligen Wohnungen passenden Modelle. „Dann überließen wir die Angebote des Bestbieters den künftigen Mietern“, erzählt der Sozialplaner. Bis auf zwei kauften alle im günstigsten Möbelhaus, doch niemand nahm die Küche von der Stange. Jeder stellte sich seine Wunschküche zusammen. Auch Luise Reutz: „Ich war froh, dass ich die Küche selbst aussuchen konnte“, sagt sie. Karoline Mangeng erging es ähnlich. „Ich möchte die Einrichtung, die mir gefällt, auch in der Küche“, betont die betagte Dame selbstbewusst.

VOGEWOSI-Geschäftsführer Hans-Peter Lorenz sieht sich in der Handhabung der Küchenfrage bestätigt. „Man schüttet das Kind da mit dem Bade aus“, pariert er die von FPÖ und Seniorenbund vom Zaun gebrochene Diskussion (die VN berichteten). Nicht nur, dass die Wohnungen dann teurer würden. Die Bewohner sollen ihre Individualität leben können, so Lorenz, der noch auf Fördermöglichkeiten bei der Anschaffung von Küchen verweist.

Lange Warteliste

Aus Sicht von Harald Bertsch hat sich die Bludenzer Variante der Küchenbeschaffung sehr gut bewährt. Sie wird deshalb auch für das neue Projekt beim Burtscher-Areal zur Anwendung kommen. Die Nachfrage nach Wohnungen im Rahmen des „Betreuten Wohnens“ ist immens. Allein in Bludenz gibt es eine Warteliste mit 80 Personen. Die Vergabe erfolgt laut Bertsch ausschließlich nach der Dringlichkeit.

Unsere Mieter rechneten gar nicht mit einer Küche.

Harald Bertsch
Karoline Mangeng kann ihren Lebensabend in einer freundlichen Wohnung verbringen.

Karoline Mangeng kann ihren Lebensabend in einer freundlichen Wohnung verbringen.

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