„Alte Hütte“ als Schweißnaht für den AKW-Widerstand

Vorarlberg / 04.06.2014 • 20:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Michael Kovarik vor der Solaranlage und dem sichersten AKW der Welt. Ein Blick ins Innere. Engagierte junge Leute in Aktion. Fotos: MaM
Michael Kovarik vor der Solaranlage und dem sichersten AKW der Welt. Ein Blick ins Innere. Engagierte junge Leute in Aktion. Fotos: MaM

In Zwentendorf ist ­Rolle Vorarlbergs bei der Volksabstimmung 1978 bis heute lebendig.

Zwentendorf. Das Gewirr an dichten Stahl-Gittern ist seit 1978 stehen geblieben, Sicherheitsbeamte kontrollieren jeden Zutritt. Auch beim dritten Tomorrow-Festival von Gobal2000. „Wir haben das einfach stehen lassen“, sagt Michael Kovarik, Sprecher der EVN (Energieversorgung Niederösterreich), die 2005 die Rechte an der Nutzung der 24 Hektar am Standort von der ursprünglichen Betreibergesellschaft GKT (Gemeinschaftskraftwerk Tullnerfeld) gekauft hat. Gespenstisch wirkt die Kulisse. Die 1978 mit hauchdünner Mehrheit dank der Vorarlberger mit 84,4 Prozent verhinderte Inbetriebnahme des fertigen AKW ist in lebhafter Erinnerung. „Ihr wart entscheidend, das haben wir immer respektiert, und schauen jetzt, was kommt“, sagt Hermann Kühtreiber, Bürgermeister von Zwentendorf, zu den VN. Zwentendorf hat östereichweit die größte Dichte an Kraftwerken, die mit Kohle und Gas betrieben werden. Jetzt wurde auch ein Block des Kohlekraftwerks Dürnrohr stillgelegt, als „Kaltreserve“ für ein späteres Wiederhochfahren.

Zukunft wird anders aussehen

„Was mit den verlorenen Arbeitsplätzen ist? Wir werden uns auf mehr Fahrradtouristen an der Donau konzentrieren“, meint Wirtin Hinterwallner in Pischelsdorf. Seit Langem setzt man in der Region auf Energie-Erzeugungsanlagen und Großbetriebe wie die Zuckerfabrik Agrana. Die Zukunft wird wohl etwas anders ausschauen. Die EVN nutzt das AKW Zwentendorf, das insgesamt eine Milliarde Euro gekostet hat, ohne jemals eine Kilowattstunde ins Netz zu liefern: Als Ersatzteillager, Forschungszentrum für Photovoltaik und für Führungen, die wöchentlich bis zu 200 Besucher anlocken. Dazu trainieren Kernenergietechniker aus aller Welt in der „alten Hütte“ ohne Roboter die Wartung der inzwischen verkalteten Technik. Auch als Filmkulisse dient dieses einzigartige „Denkmal“.

Festival mit „Botschaft“?

Global2000 wollte vergangenes Wochenede erneut Sprachrohr der Zivilgesellschaft mit vielen teilnehmenden NGOs sein – ein politischer Teffpunkt, ein Festival mit Botschaft: „Es ist ein Fest des Ausstiegs aus der Atomkraft und hat als Green Event enorme Vorbildfunktion. Zwentendorf ist das Symbol eines entscheidenden Wendepunkts in der österreichischen Energiepolitik.“

Regionale Köstlichkeiten gab’s in Mehrweg- und essbaren Gebinden. Müll wurde vor allem vermieden. Eine eigene freiwillige Jung-Brigade sammelte morgens ein, was liegen blieb. Dennoch kamen Inhalte zu kurz, da in erster Linie das Open-Air-Konzert-Spektakel lockte. Das gilt auch für jene Handvoll Vorarlberger Studenten, die aus Wien angereist waren.

Musik-Spaß und Erinnerung an die Wende der österr. Energiepolitik.
Musik-Spaß und Erinnerung an die Wende der österr. Energiepolitik.
Corrected by Zoli
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Dr. Roman Lahodynsky, Geologe und Risikoforscher„Ein Tiefenendlager für abgewrackte Brennelemente sowie radioaktiven Abfall müsste eine Million Jahre halten. Das ist momentan unmöglich. Nicht nur im schweizerischen Benken und im Raum Stuttgart wird intensiv geforscht, in Tschechien haben wir riesige atomare Müllhalden vor der Haustür. Es gibt keine Kriterien, Untersuchungen und kein Mitspracherecht für die Bürger. Von der Politik und der Bevölkerung jedoch noch viel weniger beachtet, werden die Risiken während des Betriebszustandes und Störfälle in der Errichtungs- und Einlagerungsphase. Transport, Umfüllung, Umlagerung, Einbringung in und Verschluss von Lagerkammern weisen Unsicherheiten auf, von denen viele Gefährdungen wie Brand, Explosion von Gemischen, Belastung des Oberflächen- und Grundwassers ausgehen.
Dr. Roman Lahodynsky,
Geologe und Risikoforscher
„Ein Tiefenendlager für abgewrackte Brennelemente sowie radioaktiven Abfall müsste eine Million Jahre halten. Das ist momentan unmöglich. Nicht nur im schweizerischen Benken und im Raum Stuttgart wird intensiv geforscht, in Tschechien haben wir riesige atomare Müllhalden vor der Haustür. Es gibt keine Kriterien, Untersuchungen und kein Mitspracherecht für die Bürger. Von der Politik und der Bevölkerung jedoch noch viel weniger beachtet, werden die Risiken während des Betriebszustandes und Störfälle in der Errichtungs- und Einlagerungsphase. Transport, Umfüllung, Umlagerung, Einbringung in und Verschluss von Lagerkammern weisen Unsicherheiten auf, von denen viele Gefährdungen wie Brand, Explosion von Gemischen, Belastung des Oberflächen- und Grundwassers ausgehen.
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„Alte Hütte“ als Schweißnaht für den AKW-Widerstand
Patrizia Lorenz, Brüssel (im Bild mit Tochter Alma) „Ich bin seit 20 Jahren Anti-Atom-Lobbyistin in Brüssel und überzeugt davon, dass die junge Generation über nicht mehr traditionelle Kommunikationsmittel enormen Druck erzeugen kann. Das gilt auch für die Vorarlberger, deren Engagement weit über die Grenzen hinausgeht.Ich denke an die Initiativen gegen Temelin, für den europaweiten Ausstieg aus der Kernkraft, die Endlagerfrage und die viel zu geringe Haftpflicht für AKW-Betreiber. Wir sind im Ausstieg, heute traut sich keiner mehr, ein neues AKW durchzubringen. Ärgerlich sind lediglich die Laufzeitverlängerungen. In Brüssel sind die Befürworter mit den Nerven aber am Ende.
Patrizia Lorenz, Brüssel
(im Bild mit Tochter Alma)
„Ich bin seit 20 Jahren Anti-Atom-Lobbyistin in Brüssel und überzeugt davon, dass die junge Generation über nicht mehr traditionelle Kommunikationsmittel enormen Druck erzeugen kann. Das gilt auch für die Vorarlberger, deren Engagement weit über die Grenzen hinausgeht.
Ich denke an die Initiativen gegen Temelin, für den europaweiten Ausstieg aus der Kernkraft, die Endlagerfrage und die viel zu geringe Haftpflicht für AKW-Betreiber. Wir sind im Ausstieg, heute traut sich keiner mehr, ein neues AKW durchzubringen. Ärgerlich sind lediglich die Laufzeitverlängerungen. In Brüssel sind die Befürworter mit den Nerven aber am Ende.

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