Integration aus der Innenperspektive

Vorarlberg / 05.06.2014 • 20:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Erwin Kamoglu, Yusuf Dünmez, Cansu Yildiz, Pelin und Aylin Özmen berichten über ihre Erlebnisse. Foto: VN/Steurer
Erwin Kamoglu, Yusuf Dünmez, Cansu Yildiz, Pelin und Aylin Özmen berichten über ihre Erlebnisse. Foto: VN/Steurer

Bildung, Arbeit, Zukunft – sechs Einwanderer-Kinder berichten über ihre Erlebnisse.

weiler. (VN-stm) In der Schule sei ein Mädchen gewesen, das eher leistungsschwach war, erzählt die 19-jährige Cansu Yildiz. Deswegen habe der Lehrer wiederholt sie, Cansu, herausgepickt: „Nimm dir doch ein Beispiel an ihr“, habe er gesagt. Und damit klar impliziert: Hier ist die „gute“ Migrantin, und hier die „schlechte“.

Cansu ist eine von insgesamt sechs alevitischen Einwanderer-Kindern, die sich für ein Interview zum Thema Integration und Zukunftschancen von Migranten zweiter Generation bereit erklärt haben. Alle sechs fallen nicht in das Klischee vom integrationsunwilligen, schlecht ausgebildeten „Ausländer“. Pelin Özmen (24) beispielsweise hat schon einen Studienabschluss im Fach Politikwissenschaft. Die anderen gehen entweder in die Handelsakademie – so wie Yusuf Dünmez (16) – oder sind gerade auf dem Sprung dorthin.

Eigeninitiative gefragt

Zum Thema Bildungschancen haben diese jungen Menschen einiges zu erzählen. Etwa darüber, wie hoch die Hürden sind, die sie zu überwinden haben. Die hängen nicht nur mit Vorurteilen zusammen. „Sicher ist das sprachliche Hindernis das erste und das wichtigste“, erzählt Pelin. Deutsch habe sie erst über den TV-Konsum gelernt. Der Einstieg in die Schule sei daher schwer gefallen.

Später setzten sich die Probleme fort. „Bei mir war es so, dass mir meine Eltern nach der Hauptschule einfach nicht mehr helfen konnten“, sagt Cansu. Entsprechend viel Eigeninitiative sei erforderlich gewesen. Gegenwind sei dabei nicht immer das Schlechteste, glaubt Yusuf: „Das spornt mich eher an.“

Eher wenig Erfahrung haben sie bisher auf dem Arbeitsmarkt sammeln können. Benachteiligt fühlen sich die Jugendlichen aber nicht. Cansu erzählt von einem Bewerbungsprozess für ein Praktikum, in dem sie sich gegen zahlreiche nicht-migrantische Bewerber durchsetzen konnte. Und Pelin, die älteste in der Runde, berichtet sogar von Vorteilen wegen ihres Hintergrunds: „Bei mir wird die zweite Sprache oft als Vorteil angesehen.“

Optimistisch in die Zukunft

Nicht alle fühlen sich auf der politischen Ebene vertreten. „Ich habe einfach zu wenige alevitische Politiker im Vordergrund gesehen“, gibt Erwin Kamoglu (17) zu Protokoll. Dementsprechend würden wenige Themen diskutiert, die ihn beträfen. Anders sieht das Cansu: „Ich finde schon, dass meine Interessen vertreten sind.“ Ein Grund für die 19-Jährige, sich auf Gemeindeebene politisch zu engagieren. Bemerkenswert: Gewählt haben die meisten der Jugendlichen. Und wie blickt die zweite Generation in die Zukunft? Cansu und Erwin machen sich Sorgen wegen der Stärkung rechter Parteien und fürchten, dass ihre Situation als Migranten-Kinder dadurch schwieriger wird. Yusuf hingegen ist durchwegs positiv gestimmt: „Es liegt an mir, meine Ziele zu erreichen.“

Alevitentum

Das Alevitentum ist eine Glaubensrichtung, die vorislamische, altiranische, alttürkische, islamisch-mystische und christliche Glaubenselemente vereint. Die wichtigsten Grundziele sind der Widerstand gegen Ungerechtigkeit, Akzeptanz aller Menschen als gleichwertig und die Aufteilung der Güter zum Gemeinwohl.

Der Alevitische Kulturverein in Weiler lädt am Freitag, dem 6. Juni, ab 19 Uhr zur Veranstaltung „Welche Zukunft? – Perspektiven von Kindern und Jugendlichen aus Zuwanderer-Familien“

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