Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kein Märchen

Vorarlberg / 10.06.2014 • 18:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es war eine Frau, sie hieß Aska und hatte vier Töchter. Wo sie wohnten, hatten sie es schwer, Krieg herrschte, Männer wurden verschleppt und ermordet, so auch Askas Mann. Allein blieb sie in dem zerbombten Haus. Gerade ein Zimmer war unversehrt geblieben, da hausten sie wie die Wölfe. Sie lagen auf einer Pritsche und suchten die Umgebung nach Nahrung ab. In Ruinen fanden sie Essensreste, die klaubten sie zusammen und Aska bereitete daraus ein Phantasiegericht. Sie zupfte Blumenköpfe ab und legte sie in das Essen. Das sah nach Glück aus, das es nie mehr geben sollte. Als Aska eines Tages mit Amira auf ihrem Rücken – das war die jüngste Tochter – mit leeren Händen nach Hause kam und die anderen drei Mädchen, Fatima, Zina und Celina, in einer Ecke kauerten und wimmerten, beschloss sie, dass sie fliehen mussten, wohin, wusste sie nicht. Sie hatte gehört, dass Menschen aus dem Dorf übers Mittelmeer nach Europa geflohen waren. Das besprach sie mit ihren Töchtern, die waren damit einverstanden, alles war besser, als zu hungern und in der Nacht zu frieren, sich nicht waschen zu können und keine Hoffnung mehr zu haben.

Aska, die Mutter, war die einzige, die eine Schwimmweste auftreiben konnte. Sie stahl sie aus dem ehemaligen Schulgebäude, das so kaputt war und wie ein Steinhaufen aussah. Sie waren in der Nacht losgefahren und sehr bald schon ging ihr Boot unter. Aska trug die Schwimmweste, und ihre vier Töchter klammerten sich an sie. Sie strampelte und wusste, dass die Schwimmweste niemals fünf Menschen tragen könnte. Sie waren zwar alle mager, aber bald müsste sie ein Kind loslassen, um die anderen zu retten. Sie schrie Fatima zu, sie könne nicht mehr. Fatima war die Zweitälteste, und sie klammerte sich umso heftiger an die Mutter, sie wusste, sie sollte als erste geopfert werden. Sie schrie zurück, und da löste sich Amira, die Jüngste, und verschwand in den Wellen.

Umso mehr klammerten sich die drei an Aska. Sie zitterten vor Kälte, waren weggetrieben von dem Boot, sahen keine anderen Menschen mehr. Waren überhaupt noch welche am Leben außer ihnen? Die Mädchen weinten, und schon löste sich das zweite Mädchen, Zina, die mit der schönen Stimme, die so wunderbar singen konnte und Sängerin geworden wäre. Ihr schwarzer Schopf verschwand mit einem schrecklichen Schrei im Meer. Celina war die Dritte, die sich nicht mehr an der Mutter halten konnte, sie wäre gern Tänzerin geworden, hätte zu der Stimme von Zina getanzt, sie beide wären berühmt geworden. Ihre Haare zog sie nach, sie waren die längsten, und dann verschwand auch sie in den Wellen. Es wurde bereits hell. Die Mutter hatte nur noch die Zweitälteste, Fatima, sie hatte sie an sich, wie damals, als sie noch ein Baby war, ganz nah an ihrer Brust.

Die beiden wurden von der Küstenwache gerettet.

Leider ist das kein Märchen.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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