Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Mutter allein zuhaus

11.06.2014 • 16:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Zu Pfingsten seien die Geschenke am geringsten, heißt es, aber dafür war das Wetter am schönsten. Sommer! Die Tage wurden am Land verbracht, am Wasser, die Abende am Lagerfeuer, im Kreise der Familie. Das war der Wunsch der Mutter, und er wurde mit Hilfe einer temporärer Abschaltung des Internets und unter ebensolcher Einkassierung der Smartphones erfüllt. Smartphones, der Ruin aller Idyllen. Aber diese Mutter liebt nun einmal Lagerfeuer. Es ist eine in den Organismus eingestanzte Sentimentalität, weil man herrliche Jugendsommernächte an Lagerfeuern am Wasser verbracht hat, mit schönen, schlacksigen jungen Männern, die Gitarre spielen konnten und den Blues hatten. Das prägte, und noch immer verbringt man heiße Sommernächte am liebsten an lodernden Feuern in Wassernähe, mit schlacksigen Teenagern, die ebenfalls den Blues haben, aber einen anderen: nämlich jenen, der entsteht, wenn man Heranwachsende durch Handyentzug von der Welt abschneidet und sie so in einem rückständigen Nirvana gefangen hält. Einer Art virtuellen Limbus, aus dem es kein Entkommen gibt, weil ja das Gerät, mit dem man Beistand erbitten und Fluchthilfe anfordern könnte, nicht greifbar ist. Also sitzen sie halt mit langen Gesichtern bei der glücklichen, vom Widerschein warmer Flammen angestrahlten Mutter, maulen und halten Schüblinge an Stecken übers Feuer, bis sie einen Grillgrad erreicht haben, der nur noch für die Krebsforschung interessant ist. Quasi als Ersatz für die fehlenden Handystrahlen. Die Fledermäuse flitzen über unsere Köpfe hinweg, die Flammen knistern, die Luft ist lau, die Fische springen im Wasser, und oben, über dem Rauch, stechen erste Sterne durch das Himmeldunkelblau.

Die Mutter hat jetzt sogar eine eigene Gitarre, seit ein paar Tagen, und auch schon ein bisschen Blues, aber so viel Schmerz will sie ihren Liebsten nun doch nicht zufügen, dass sie die am Lagerfeuer in Betrieb nimmt. Immerhin: Ich kann schon „House of the Rising Sun“! Und „Quantanamera“! Die gesamte Familie und alle Gäste sind hocherfreut, und ich habe jetzt sehr oft Haus und Garten ganz für mich allein, tschüss, Mama, wir sind dann mal woanders. Was heißt: Die ganze Gegend habe ich für nur für mich, denn auch die Nachbarschaft verschwindet wie durch Zauberei, wenn Mutter sich mit ihrer schönen, neuen Gitarre und Peter Bursch’s Gitarrenbuch („Pop, Folk, Rock & Blues“) auf die Veranda setzt. Killing me softly! Streets of London!

Das wird ein herrlicher, ruhiger Sommer. Wenn nicht gerade der Nachbar-Bauer den Anhänger seines Traktors in ein vor dem Haus parkendes Gäste-Auto schlenkern lässt. Es ist eine miese und gänzlich unwahre Unterstellung, dass ihm das passiert ist, als er das Lenkrad verrissen hat, weil der Sound einer auf einer Veranda geschlagenen Gitarre sein Ohr erreichte und seine Sinne verwirrte.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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