Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Wanderzirkus

Vorarlberg / 15.06.2014 • 19:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Am 21. Juni macht ein seltsamer Wanderzirkus Station im Ländle. Im Kulturhaus Dornbirn wollen uns acht Männer von der Apokalypse erzählen – und davon, wie wir uns retten können. So viel spannende Unterhaltung und packende Rhetorik gibt es natürlich nicht umsonst. Für
37 Euro gibt’s die Botschaft und für nochmals 41 Euro noch ein „Galaabendessen“.

Das „Top Info Forum“ tourt durch deutsche, österreichische und Schweizer Städte, die Redner sind zumeist selbsternannte Finanzexperten und politische Aktivisten wie Jürgen Elsässer, der – einst als Maoist und nun als Einpeitscher der Montagsdemos in Berlin – den Kampf gegen die amerikanische Weltherrschaft und die „Rothschilds“ anführt, aber natürlich kein „Antisemit“ ist. Und sich für den Kampf Vladimir Putins und islamischer Fundamentalisten gegen „den Westen“ und seinen Sittenverfall begeistert. Ein esoterischer Physiker ist dabei, der von der Existenz „freier Energie“ träumt und uns auf diese Weise vom Weltmarkt unabhängig machen will. Und sogar ein außerordentlicher Professor der Wiener Wirtschaftsuni gibt sich die Ehre, der 2009 das mögliche Verschwinden der Währungen bis zum Jahr 2011 prophezeit hatte. Als Stargast des Abends ist auch noch ein unter dem Pseudonym „Harvey Friedman“ schreibender österreichischer Esoteriker angekündigt, der in seinen Büchern vom „monetären Armageddon“, und von der kommenden Auferstehung des Messias fantasiert, und natürlich vom Ende des „räuberischen Geldwesens“.

Darüber sind sie sich einig, über den schicksalhaften Kampf der Völker gegen „das Finanzsystem“, gegen „Zinseszins“, gegen die amerikanischen (und natürlich die „jüdischen“) Banken. Und damit einem das Essen beim angekündigten „Galaabend“ trotzdem schmeckt, wissen sie natürlich auch um die Kräfte der Rettung.

Auf der Website des „Top Info Forums“ finden wir das neueste über paranormale Chirurgie, über die Magie der Menhire und ein kommendes „Metatron Engel-Event“ in Friedrichshafen, Gottes Beziehung zu den Aliens und auch einen Aufruf dazu, seine Kinder nicht mehr zu impfen. Doch wem das alles ein wenig zu unpraktisch erscheint, wer nicht so sehr an Frieden, Heil und völkischer Herrschaft interessiert ist, sondern angesichts der apokalyptischen Panikmache vor allem daran, seine Knete vor dem „Zusammenbruch des Euro“ und des Geldes überhaupt in Sicherheit zu bringen, dem wird beim Galaabend geholfen.

Wie es sich günstig fügt, bieten manche der Redner und deren Freunde auch absolut „sichere“ Anlagemodelle, vorzugsweise in Gold. An denen verdienen, so wie das auch beim Pyramidenspiel so geht, wohl vor allem die, die das Spiel in Gang setzen.

So erweist sich der Wanderzirkus nicht nur als zynische Verspottung all jener, die sich aus guten Gründen Sorgen um die wirtschaftliche und soziale, die politische und ökologische Zukunft machen, er ist wohl vor allem eines: ein ziemlich cleveres Geschäftsmodell.

hanno.loewy@vorarlbergernachrichten.at
Hanno Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems.
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