„Mein Bezug ist ein Schmerzensgeld“

Vorarlberg / 16.06.2014 • 20:50 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
„Was unsere finanzielle Situation anbelangt, so darf sich Silbertal derzeit keine Ausgaben leisten“: Bürgermeister Zudrell im VN-Gespräch.
„Was unsere finanzielle Situation anbelangt, so darf sich Silbertal derzeit keine Ausgaben leisten“: Bürgermeister Zudrell im VN-Gespräch.

Kandidatur, Finanzen und Perspektiven: Silbertaler Gemeindechef im VN-Gespräch.

Silbertal. (VN) So wie in zahlreichen anderen der 96 Vorarlberger Kommunen, wird der Begriff „Parteifrei“ auch in der beschaulichen Gemeinde Silbertal groß geschrieben. Alle drei im Gemeindeparlament vertretenen Fraktionen mit insgesamt zwölf Volksvertretern versuchen auch jene Bürger anzusprechen, die mit einem Parteibuch wenig oder gar nichts am Hut haben.

Seit vier Jahren Gemeindechef

Mit sieben Mandaten hält derzeit die Silbertaler Volkspartei mit freien Kandidaten von Gemeindechef Thomas Zudrell die absolute Mehrheit. Die restlichen Sitze teilen sich Freiheitliche und Parteifreie (3) sowie die Sozialdemokratische Partei Österreich und Parteifreie (2). Zudrell, dessen Stiefvater Willi Säly über Jahrzehnte als Gemeindeoberhaupt fungierte, absolviert als Quereinsteiger in die Kommunalpolitik seine erste Periode.

Herr Bürgermeister, hatten Sie als Kind eigentlich einen Traumberuf?

Zudrell: Ich wollte eigentlich Lastkraftwagenfahrer werden oder einen anderen Beruf erlernen, der mit Maschinen zu tun hat. Das Ganze hatte freilich einen Hintergrund: Ich bin in einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen. In die Gemeindepolitik bin ich eher zufällig geraten.

Wenn Sie einen Tag lang als Bundeskanzler fungieren könnten, welche Dinge würden Sie als Erstes angehen?

Zudrell: Das ist eine sehr schwierige Frage für mich. Auf dieser Ebene gibt es nämlich sehr viele Baustellen. Deshalb wüsste ich nicht, mit welcher Baustelle ich als Kanzler beginnen würde. Was derzeit auf der Bundesebene in der Großen Koalition umgesetzt wird, ist im Rückblick auf die bei der letzten Nationalratswahl gegebenen Versprechen sehr dürftig. Das sorgt für großen Frust bei den Bürgern, den ich bei Gesprächen mit den Menschen draußen auch spüre.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen guten Bürgermeister aus?

Zudrell: Spontan gesagt, ist es Volksnähe, die ein Bürgermeister haben sollte. Der Bezug zu den Bürgern ist mir besonders wichtig. Darüber hinaus muss man als Gemeindechef auch das halten können, was man verspricht. In ländlichen Gebieten wie im Silbertal kann man im Großen und Ganzen aber noch auf Handschlagqualität setzen.

Muss in Silbertal – so wie in vielen anderen Gemeinden auch – der Gürtel enger geschnallt werden oder verfügt die Kommune über genügend Geld?

Zudrell: Die Frage, ob wir über ausreichend Finanzmittel verfügen, erübrigt sich. Wir müssen freilich auch einen Sparkurs fahren und sehen uns so wie viele andere Gemeinden des Landes mit Fixausgaben wie beispielsweise im Sozialbereich konfrontiert. Und diese können wir nicht beeinflussen. Darüber hinaus müssen wir für eine kostenintensive Erhaltung der Infrastruktur aufkommen und sind froh darüber, wenn keine zusätzlichen Ausgaben für Elementarschäden unser Budget belasten. Im Hinblick auf unsere finanzielle Situation, die auch in der Pro-Kopf-Verschuldung abzulesen ist, können wir uns als Gemeinde derzeit keine Ausgaben leisten.

In nächster Zeit wird bekanntlich die Funktion des Montafoner Standesrepräsentanten vakant. Würden Sie das Amt als Sprecher der zehn Montafoner Gemeinden übernehmen?

Zudrell: Aus derzeitiger Sicht würde ich das Amt nicht übernehmen. Standesrepräsentant Rudi Lerch muss etwa fünfzig Prozent seiner Arbeitszeit als Bürgermeister von St. Anton für das Amt des Standesrepräsentanten aufbringen. In der jetzigen Situation wüsste ich nicht, wo ich diese Zeit hernehmen sollte.

Sind Sie mit Ihrem Monatsgehalt zufrieden und wie viel Euro bleiben Ihnen netto pro Monat?

Zudrell: Im Hinblick auf das von mir faktisch geleistete Stundenpensum als Bürgermeister und im Vergleich zu Gehältern in der Privatwirtschaft spreche ich bei meinem Monatsgehalt oft von einem Schmerzensgeld. Grundsätzlich ist mein Gehalt aber in Ordnung und ich bin zufrieden damit. Mir bleibt pro Monat ein Nettobetrag von rund 2350 Euro.

Wo sehen Sie die Gemeinde Silbertal in zehn Jahren?

Zudrell: Ich hoffe, die derzeitige Infrastruktur mit Kindergarten, Schule und Lebensmittelgeschäft weiter halten zu können. Vor allem das Lebensmittelgeschäft sieht sich einem ständig steigenden Preisdruck der Großen in Ballungsgebieten ausgesetzt. Bei der Preispolitik, die die großen Konzerne betreiben, drohen kleine Geschäfte zugrunde zu gehen. Den Betreibern, denen bereits jetzt von Land und Gemeinde finanziell unter die Arme gegriffen wird, bleibt am Ende des Monats nur mehr wenig an Barem übrig.

Wie wollen Sie etwaigen Abwanderungstendenzen begegnen und junge Menschen und Familien im Silbertal halten?

Zudrell: Im kommenden Jahr ist der Bau eines Projekts mit dem gemeinnützigen Bauträger Vogewosi vorgesehen. Dabei sollen etwa acht neue Wohneinheiten entstehen.

Werden Sie bei den Gemeindewahlen im Frühling nächsten Jahres abermals antreten?

Zudrell: Ja, ich habe die Absicht, mich bei den nächsten Wahlen abermals um das Bürgermeisteramt zu bewerben.

Bürgermeister Gespräch: Thomas Zudrell
Bürgermeister Gespräch: Thomas Zudrell
Bürgermeister Gespräch: Thomas Zudrell
Bürgermeister Gespräch: Thomas Zudrell
„Als Bürgermeister muss man halten, was man verspricht“, sagt Gemeindechef Zudrell. fotos: mk
„Als Bürgermeister muss man halten, was man verspricht“, sagt Gemeindechef Zudrell. fotos: mk

Kurz gesagt

Absolute Mehrheit: ist ab und zu gut, wenn man sie besitzt

Freunderlwirtschaft: kommt nicht infrage

Lebensglück: Familie

Politikverdrossenheit: sehr groß

Parteifreund: nicht wirklich

Freizeit: Familie

Erstwähler: sehr wichtig

Lebensqualität: Silbertal

Netzwerke: sind wichtig

Lebensabend: den möchte ich in Silbertal verbringen

Zahlen zum Silbertal

» Einwohnerzahl: 850

» Gemeindefläche: 88,5 km2

» Jahresbudget: 3,3 Millionen Euro

» Pro-Kopf-Verschuldung:
4700 Euro

» Betriebe: 17

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