Echte Fanatiker gesucht

Vorarlberg / 20.06.2014 • 18:38 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
foto: reuters
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Auch ich gehöre zu denen, die gerne ein Fußballspiel anschauen, meist spät abends vor dem Fernseher.

Die Fußballweltmeisterschaft ist voll im Gange. Hunderttausende Fans sind mobilisiert. Wer weiß, dass dieser Begriff vom lateinischen „fanaticus“ stammt, und das heißt: Ein von einer Gottheit ergriffener Mensch? „Fanum“ bezeichnet ein Heiligtum oder einen Tempel. Im früheren Englisch war ein „fanatic man“ ein religiöser Schwärmer. Wir kennen im Gegensatz dazu das Wort „profan“, das weltlich, genau: außerhalb oder vor dem religiösen Bezirk und Bereich bedeutet. Heutzutage gibt es nicht wenige rasende, verrückte Fangruppen, die oft außer Rand und Band geraten, denken wir nur an die sogenannten Hooligans.

Fußball – die neue Religion?

Es zeigen sich überraschend viele Parallelen zwischen Fußball und dem religiösen Bereich: die Stadien als neue Wallfahrtsorte, in der Mitte der „heilige“ Rasen, Spieler bekreuzigen sich. Das Kirchenjahr wird ersetzt durch die Termine der Herbst- und Frühjahrssaison. Die Spieltage gelten als Feiertage. Im Zentrum des Kults steht nicht die Monstranz, sondern der Pokal, der andächtig geküsst wird. Die Zuschauer bilden eine Erregungsgemeinschaft mit Vereinshymnen, Schlachtrufen (welch ein Unwort!), choreografischen Ritualen. Ministranten, denn Kinder dürfen an den Händen der Spieler mit einlaufen. Logos, Vereinsfarben, Schals, Slogans, Jubelwellen quer durch die Reihen fördern die „Kommunion“, das Zugehörigkeitsgefühl. „Fußball ist unser Leben“, wird ein Bibelwort abgewandelt. Und vor dem entscheidenden Elferschießen wird in engem Kreis der „Fußballgott“
(wer soll denn das sein?) beschworen. Und dann gibt es noch die Kapellen bei den modernen Stadien (aber hoffentlich nicht, um für den Sieg zu beten). In England kann man sogar die Asche der Toten auf dem Rasen ausstreuen, und in einigen Großstädten finden sich Fan-Friedhöfe.

Panem et circenses

Das wussten schon die römischen Kaiser: Die Leute brauchen „Brot und Spiele“, dann sind sie zufrieden. Das gilt doch auch heute. Aber für Millionen Menschen gibt es weder das eine noch das andere. Bischof Kräutler kritisiert deshalb zu Recht, welche Unsummen in Brasilien für die WM ausgegeben werden, während auf der anderen Seite die Armut in diesem Land gigantisch wächst. Da aber so viele Menschen an den Spielen verdienen und ihre Hände nicht in Unschuld, sondern im Geld waschen, bleibt dieser Gegensatz wirklich eine Sünde, der wir alle nicht entkommen.

Dennoch hat der Fußball auch seine guten Seiten! Man kann vieles dabei lernen: Es braucht im Leben immer ein gutes Zusammenspiel. Regeln, Gebote und Verbote müssen beachtet werden. Fouls, Handspiel und das im Abseits Stehen werden geahndet Das „Fair-play“ ist gefordert, nicht nur im Sport, sondern auch im Alltag. Es gibt unterschiedliche Rollen, egal ob Stürmer oder Verteidiger usw., die wir bestmöglich zu erfüllen haben. Vor allem aber sollten wir zwei Dinge bedenken: Das Spielen tut wohl, vor allem, wenn es zweckfrei ist. Denken wir nur daran, wie ein kleines Kind sich freut, das mit seinem Fuß gegen den Ball tritt und ihn so zum Rollen bringt. Es strahlt übers ganze Gesicht. Lebenslust pur! Lockeres Spielen befreit, löst die Seele. Und das Zweite: Beim Sport gibt es ein Auf und Ab. Wenn immer nur Bayern München gewänne, wäre es langweilig.

In der deutschen Bundesligasaison 1991/92 war Eintracht Frankfurt bis zum letzten Spiel Tabellenführer. Aber genau dieses Match verloren sie hauchdünn. Der serbische Trainer Dragoslav Stepanovic prägte daraufhin den weisen Satz: „Lebbe geht weider!“ Auf die anschließende Frage des Reporters, was die kommende Woche bringe, antwortete er: „Montag, Dienstag, Mittwoch . . .“ So oder so.

Es ist gut, beim Spielen auch das Verlieren zu lernen.

Und die echten Fanatiker?

Das sind im ursprünglichen Wortsinn die, die wirklich etwas vom Geist Jesu übernommen haben und sich an den biblischen Grundsatz halten: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das sollt auch ihr ihnen tun.“ (Mt 7,12)

Elmar Simma,
Caritas-Seelsorger

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