Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Schmerzensgeld

Vorarlberg / 24.06.2014 • 19:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Frau war nicht jung und nicht alt, sie war zornig und gleichzeitig einsam, man könnte sagen: frustriert.

Sie ging an einem Werktag in verschiedene Geschäfte, alle nobel, mit teurer Ware. Sie lächelte die Verkäuferin an, die Verkäuferin sah ernst zurück. Die Frau dachte, ich sehe aus, als gehörte ich nicht in dieses Geschäft. Sie erinnerte sich an die Ungerechtigkeiten, die ihr widerfahren waren, und das stärkte ihren Körper, so dass sie gerade stand und selbstbewusst wirkte.

„Haben Sie“, fragte die Frau mit strenger Stimme, „haben Sie außer diesen Taschen noch andere Sachen, die Sie anbieten?“

Im ersten Stock waren auf einer Stange Lederjacken aufgereiht, in drei Farben, schlamm, kirschrot und oliv. Die Frau schlüpfte in die kirschrote, und sie passte. Die Verkäuferin hielt die Jacke so, dass man das Preisschild sehen konnte.

Wahrscheinlich, dachte die Frau, sehe ich nicht nach Geld aus. Sie ließ sich nichts anmerken. Ich nehme alle drei, sagte sie, brauche noch passende Taschen dazu.

Sie fand im Parterre italienische Markenware, sehr weich, fein gefüttert, Innentaschen mit Reißverschluss, nur vom Besten, in den Farben der Lederjacken.

„Packen Sie die Taschen dazu“, sagte die Frau.

„Macht dann dreitausendachthundertsiebzig“, sagte die Verkäuferin, dreitausendachthuntertsiebzig, ohne die Bezeichnung Euro, und die Frau bezahlte mit Karte. Auf der Karte stand der Name ihres Mannes.

„Schmerzensgeld“, sagte die Frau und verließ das Geschäft.

Ihr Mann hatte eine Freundin, nicht die erste, nicht die zweite, aber diesmal eine ernstzunehmende, und er wollte sich ihretwegen scheiden lassen. Die Frau hatte ihm zugehört, ohne ein Wort zu entgegnen. Sie griff dann in die Jackentasche ihres Mannes und entwendete die Kreditkarte. Er merkte es nicht. Sie wartete nicht und kaufte ein zweites, ein drittes Mal ein.

Einen Ledersessel, warum gerade das, wusste sie nicht. Schmerzensgeld.

Ihr Mann hatte die Karte nach dem Verlust sperren lassen, war verwundert über die hohen Ausgaben, fand heraus, dass seine Frau sie getätigt hatte. Er fragte sie sehr freundlich, weil er ja das Einverständnis zur Scheidung erhoffte, und seine Frau sagte:

„Schmerzensgeld.“

Das fand der Mann gerechtfertigt.

Das Problem allerdings war auf diese Weise nicht zu lösen. Das Unglück hörte nicht auf, war nicht mehr zu besänftigen. Die Frau öffnete den Tank im Auto ihres Mannes und leerte ein Kilo Zucker hinein. Sie hatte gehört, dass so etwas großen Ärger bringen könnte.

Der Mann verunglückte, es war aber nur ein Blechschaden, und die frustrierte Frau überlegte sich weitere Strafen für ihn. Wie das enden würde, wusste sie selber nicht. Noch aber war ihre Hitze nicht gekühlt.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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