„Der Tod wäre mir willkommen gewesen“

Vorarlberg / 30.06.2014 • 21:54 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Originalaufzeichnungen in Kurrent von der Schreckensreise über Albanien nach Italien. Foto: Berchtold
Originalaufzeichnungen in Kurrent von der Schreckensreise über Albanien nach Italien. Foto: Berchtold

Erster Weltkrieg: Alois Kegele führte Tagebuch über Schreckensreise als Kriegsgefangener.

Wien. (VN-ebi) „Die Sonne mit ihren blutroten Strahlen werden viele heute das letzte Mal sehen“, schrieb Alois Kegele am Morgen des 6. Dezember 1914, jenes Tages, an dem der Vorarlberger in Gefangenschaft geriet. Der aus Brand stammende Landwirt führte Tagebuch über seine „Schreckensreise“, wie er sie bezeichnete, die ihn über Albanien nach Italien und später nach Frankreich bringen sollte. Auf losen Zetteln, eingenäht in seinen Militärmantel, hielt er seinen Leidensweg fest. Seine Enkelin Martha Berchtold übersetzte die in Kurrent geschriebenen Seiten und fasste sie zu einem kleinen Buch zusammen.

Wie Tiere eingepfercht

„Ich sah, wie (…) überall serbische Truppen zum Vorschein kamen. Sie schossen so, dass die Kugeln hageldicht flogen“, beschrieb Kegele die Gefangennahme. Lange beschwerliche Märsche ohne Essen und ohne Schlaf waren die Folge – eingepfercht als Gefangene wie Tiere in überfüllten Ställen.

Auf seinem Weg über Pristina zur albanischen Grenze wurde Kegele anfangs mit 500 Mann – darunter acht weitere Vorarlberger – in den Holzhütten einquartiert. Dabei kam es „öfters vor, dass in der Früh tote Kameraden neben den anderen lagen“. Denn immer mehr Soldaten wurden von Krankheiten heimgesucht. Kegele erzählte auch von seinen Kameraden Sattler und Wohlgenannt aus Dornbirn, von Gmeiner aus Alberschwende, Schwarzmann aus Sonntag, Sparr aus Marul sowie Piterriol, Gortipohl und Schuster aus Bregenz, die während des Krieges alle unter großem Leid gestorben seien. „Habe selber den Gmeiner mit dem Rosenkranz in den Händen auf den Tod vorbereitend ins Stadtspital überführt“, notierte sich der damals 42-Jährige.

Wie es seiner Frau und seinen Kindern aber ging, wusste er nicht. Nur selten erhielt er Feldpost, da er immer wieder den Standort wechseln musste. Zeitweise sei auch er schwer krank gewesen. Seiner Familie habe er jedoch immer mitgeteilt, dass es ihm gut gehe, „um ihnen Kummer und Sorgen zu ersparen“.

Fetzen statt Schuhe

Es ist der 15. Oktober 2015 und Kegele war bereits schwer von der Gefangenschaft gezeichnet. Doch erst der bevorstehende Abmarsch zur italienischen Grenze sollte zum schlimmsten Leidensweg seines Lebens werden. Denn Kegele musste meist unter Brücken oder Bäumen ausharren. „Durch und durch nass, furchtbar kalter eisiger Wind, trieb die ganze Partie auseinander, überall Schutz suchend. Endlich fanden wir einen Schopf (…), aber nach einer Viertelstunde mussten wir hinaus (…) und Ochsengespanne hinein. Also waren wir wieder im Freien, allem Wind und Schneetreiben ausgesetzt.“ Schuhe habe er schon längst keine mehr gehabt, berichtete Kegele. Er habe sich jeden Tag mehrere Fetzen um die Füße gewickelt, die abends nass, voller Schlamm, Sand und Schnee gewesen seien. Viele hätten ihre letzten Kleider trotz der Kälte für Essen verkauft.

Mit Stockhieben getrieben

Von einem Kommandanten und serbischen Wächtern seien sie „hungrig, frierend, elend und müde“ weiter vor­angetrieben worden. Wer den Anschluss verlor, wurde mit Stockhieben attackiert. Wer nicht mehr gehen wollte, wurde erschossen. „Hätte ich keine liebe Familie zu Hause gewusst, so wäre mir der Tod willkommen gewesen“, schrieb Kegele. Viele seien der Erschöpfung erlegen. „Man konnte sehen, wenn einer dem Tode nahe war.“ Wie ein Betrunkener sei dieser dann aus Furcht vor Schlägen gelaufen, „die gläsernen Augen weit geöffnet“. Und konnte er nicht mehr gehen, „blieb er ein bis zwei Minuten stehen, fiel dann um und war eine Leiche“, so Kegele.

Freude über italienisches Ufer

„Es ist nicht gesagt, dass es allen auf der albanischen Reise gleich erging“, schrieb der damals 42-Jährige zum Abschluss. Doch für ihn sei die Freude unbeschreiblich gewesen, als er endlich auf italienischem Boden angekommen war und wieder wie ein Mensch behandelt wurde.

Es war im Dezember 1915 und damit wollte Kegele seine Erzählung beenden: „Möchte noch bemerken, dass wir bis Juli auf der Insel Asanar blieben und dann nach Frankreich überschifft wurden, dort ging es uns ziemlich gut. Am 7. Jänner 1920 kam ich in die Heimat.“

„Der Tod wäre mir willkommen gewesen“

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.