Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Das ging gerade noch einmal gut

09.07.2014 • 18:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Immer wieder fällt mir ein Kind auf, das ein gelbes T-Shirt trägt, das hinten ein Loch hat. Das Kind trägt dieses T-Shirt sehr oft, und immer mit diesem Loch hinten, seit Monaten schon. Jedesmal, wenn ich das Kind mit dem löchrigen T-Shirt sehe, denke ich: Das muss der Mutter von dem Kind doch auffallen, dieses Loch, sowas ist doch schnell geflickt, stört das die Mutter denn gar nicht?

Doch, tut es, jeden Tag, und jedes Mal denke ich mir: Ja, eh, das ist doch schnell geflickt, das mache ich gleich morgen. Weniger aus Faulheit, sondern weil es vom Olfaktorischen her durchaus vernünftig ist, die Flickung des Lieblings-T-Shirts eines zwölfjährigen Teenagers auf einen Zeitpunkt zu verschieben, an dem das T-Shirt frisch gewaschen sein wird. Leider pickt das T-Shirt entweder unmittelbar nach dem Waschen sofort wieder an dem schon darauf lauernden Teenager, oder es wird vom Frischwäschemassiv verschluckt. Oder es liegt in Flickabsicht gut sichtbar zwischen Laptop und Kaffeetasse am Schreibtisch der Mutter, und zwar so lange, bis es sich der Teenager wieder geschnappt hat oder es infolge von Kontaminierung mit kaltem Kaffee wieder in der Wäsche landet, wo es alsbald erneut wieder in diesen Kreislauf eintritt.

Es ist allerdings bezeichnend, dass das T-Shirt schließlich tatsächlich geflickt wurde, und zwar nur Minuten vor Antritt einer Reise, die besagte Mutter und ihre Kinder ins Ländle führte, zu ihrer eigenen Mutter. Nun hätte die Muttermutter das Leiberl gewiss unmittelbar in der Sekunde seiner Erblickung geflickt, nämlich bevor das Kindeskind damit vor Nachbarn und Freunden Schande über die Familie hätte bringen können. Was die Sache allerdings keineswegs zur Zufriedenheit aller erledigt hätte, denn die Vorarlberger Lochflickexpertin hätte sich während des Lochflickens gedacht: Heinomol, das ist aber schon ein altes Loch. Dieses Loch war in diesem T-Shirt eindeutig schon seit Monaten, und so wie das Loch aussieht, wurde es jede Woche mindestens zwei, eher drei Mal in die Schule getragen, wo es Schande über das Kind, dessen Familie, Freunde, Nachbarn und alle seine Ahnen brachte, also auch mich. Vor allem auch mich. All diese Monate prangte dieses Loch wie ein Fanal des Versagens am Rücken des Kindeskindes und warf ein furchtbares Licht auf die Muttermutter. Denn dieser ist es, wie dieses Loch jedem, der es sieht, entgegenbrüllt, sichtlich nicht gelungen, ihrer Tochter soviel Anstand und Fleiß einzuimpfen, dass sie sich beizeiten, also unverzüglich, um ein Loch in einem T-Shirt kümmert. Und auf dem Antlitz der Muttermutter würde sich das Entsetzen einer Frau abzeichnen, auf der nun die Schande pickt wie ein Lieblings-T-Shirt auf einer Zwölfjährigen, mit dem Unterschied, dass sie daraus nie wieder herauswächst.

Puh, das war knapp.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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