Um den Essenstisch spielt sich Leben ab

Vorarlberg / 01.08.2014 • 16:53 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
„Selig die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.“
„Selig die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.“

Die sogenannte Speisungsgeschichte (Mt. 14,13-21) berichtet vom Zusammenkommen, von Hunger, von Essen, von Alltäglichem. Wir stärken uns hastig beim Frühstück, wenn es schon eilt, oder auch zu Mittag, wenn es viel zu tun gibt; gelassen und voll Freude, wenn die Arbeit getan ist oder wenn es ein Fest zu feiern gibt. Und manchmal ist es auch beschwerlich zu essen, wenn man krank ist, wenn es nicht so recht schmecken will oder wenn in der Familie dicke Luft ist und alle nur verbissen im Essen herumstochern.

Jesus nimmt den Alltag der Menschen ernst, ihre Sorgen und Nöte, und er macht sich mit ihnen an die Lösung der Probleme. Wie oft, wenn in der Bibel vom Essen die Rede ist, wird auch von einem ‚Tischgespräch’ erzählt bzw. von einem Zeichen, das Jesus setzt. Viele Menschen sind aus den Städten zu ihm an den See gekommen und sind ihm noch bis zum Abend zu Fuß nachgefolgt, obwohl sich die Jünger lieber in eine einsame Gegend zurückgezogen hätten. Den ganzen Tag über hat er zu ihnen gesprochen und ihre Kranken geheilt. Am Abend werden die Apostel unruhig. Wo sollen die Tausenden Essen herbekommen? Sie möchten die Leute wegschicken.

„Gebt ihr ihnen zu essen“

sagt Jesus. Wie stellt er sich das bei einer solchen Menge vor! Das ist immer wieder auch unsere Angst: dass es nicht reichen könnte. Z. B. kauft man aus Sorge, es könnte nicht genug sein, zu viel ein. Und dann, am Ende einer Einladung der gleiche Seufzer: Gut war’s, aber zu viel! Oder junge Menschen stellen sich heute die Frage, ob es für ihre Pensionen noch reichen wird. Oder: Wie können wir die vielen Menschen versorgen, die in unserem Land Schutz suchen, die Flüchtlinge, die Asylwerber(innen)? Schon die Angst vor möglicher Verknappung lässt misstrauisch und aggressiv werden. „Schick doch die Menschen weg“, sagen die Apostel zu Jesus. Das Boot ist voll, sagen wir.

„Sie brauchen nicht wegzugehen“ entgegnet Jesus. Schaut einmal nach, was ihr habt. Und er dankt für das Wenige, fünf Brote und zwei Fische, und lässt es austeilen. Die Menschen teilen und teilen weiter – und siehe da: Es ist genug für alle da und es bleibt noch übrig.

Die Botschaft, die uns Jesus mit dieser Erzählung übermittelt, macht Mut. Das Wenige, das wir haben und tun können, reicht aus. Wir vermögen nicht das ganze Flüchtlingsproblem zu lösen, aber wir können für die betroffenen Menschen, die in unserer Nachbarschaft leben, etwas tun. Wir können uns politisch dafür einsetzen, dass Asylwerber(innen) arbeiten dürfen und nicht untätig herumsitzen müssen. Wir müssen unseren Gästen nicht alles bieten, was gut und teuer ist. Es ist genug für alle da, ist auch die Erfahrung jener, die einem Burn-out nicht primär mit noch strengerer Zeitkontrolle vorbeugen wollen, sondern damit, dass sie ihr Leben so umgestalten, dass es gut bewältigbar wird. Sich anderen zuzuwenden, ist dann weniger kraftraubend.

Jugendliche lernen an unserem Verhalten, ob jeder sich selbst der/die Nächste ist, oder ob Mitgefühl zählt. Als sozial bewegte Menschen werden sie dann geeignete Antworten für die Fragen finden, die es in Zukunft zu lösen gibt.

„Alle aßen und wurden satt“

Und ein Zweites können wir von Jesus lernen. Der Blick hinauf zum Himmel und die Aufmerksamkeit für das, was auf der Erde Not tut, schließen einander nicht aus. Sie beinhalten die Herausforderung, die eigenen Potenziale einzubringen, das scheinbar Wenige, das wir haben und tun können, nicht gering zu achten, sondern auf die Beispielwirkung zu vertrauen, die das Wunder des Teilens in Gang setzen kann. Und es ist eine Veranschaulichung und Konkretisierung der Bergpredigt und ihrer Seligpreisung: „Selig die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.“ Der Hunger nach Gerechtigkeit ist nicht der nach einem abstrakten Wert, sondern nach einem Leben, das die elementaren Bedürfnisse der Menschen befriedigt und den Überschuss gerecht verteilt.

Auch wenn das, was die Jüngerschar Jesu zu bieten hat, noch so bitter wenig aussieht, wer sich auf die Zusage Jesu einlässt, dass genug da ist, dass wir unsere Kräfte nicht eifersüchtig hüten und verteidigen müssen, sondern großzügig einsetzen können, den und die erwartet in aller Bedürftigkeit die Fülle. Jeder der zwölf Apostel kann sich mit einem übrig gebliebenen gefüllten Korb weiter auf den Weg machen.

Dr. Karoline Artner,
Werk der Frohbotschaft
Batschuns

„Selig die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.“
„Selig die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.“

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