Logbuch einer Irrfahrt

Vorarlberg / 06.08.2014 • 19:09 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Logbuch einer Irrfahrt

1921 kehrt Xaver Bilgeri aus dem Krieg zurück – mit einer ungeheuren Überraschung.

Krumbach. Dies ist die Geschichte des Xaver Bilgeri, der am 11. August 1887 in Krumbach zur Welt kam und als jüngstes von neun Geschwistern aufwuchs. Ab der vierten Klasse hütete er für freies Essen anderer Bauern Vieh. Auf einem kleinen Kindermarkt in Hörbranz fand er jedes Frühjahr neue Dienstherren. Dass er in Dornbirn eine Malerlehre antrat und zum guten Lehrabschluss ein Sparbuch mit zehn Gulden heimtrug, das war schon was. Er ging dann zu einem Meister ins schweizerische Berneck und 1908 zur dreijährigen Sanitäts-Rekrutenschule und Offiziersausbildung nach Tirol. Sein Leben hätte weiterlaufen können. Er hatte ein Mädel gefunden. Alles war vorgezeichnet. Bis am 28. Juni 1914 die Schüsse von Sarajevo fielen.

Bilgeri und vier seiner Brüder gingen an die Front. Nach Osten. Am 5. August dampfte von Brixen der Zug ab, mit 4500 Mann an Bord. „Schon am 12. August standen wir mitten im Gefecht.“ Die Schlacht dauert fünf Tage. Am 28. August erreichen die Soldaten russischen Boden. Sie rücken 120 Kilometer vor. 750 Mann verlieren sie. „Tag und Nach krachten die Kanonen, die Dörfer wurden alle in Brand gesteckt.“ Dann, vor Lemberg, heißt es „Rückzug“. „Am 7. September lebten von unserem Regiment nur noch 95 Mann.“ Kosaken nahmen sie gefangen. „Mit der Peitsche in der Hand trieben sie uns wie Hunde von einem Dorf ins andere.“ In Kiew landet Bilgeri, an Ruhr erkrankt, für sieben Wochen im Gefangenenspital. „Am 15. November wurden wir dann nach Sibirien abgeschoben, wo die Temperatur 40 Grad unter null betrug.“

Eine Suppe täglich

Xaver Bilgeri beschreibt das Lagerleben detailliert. „Die Bretter, auf denen wir schlafen mussten, waren noch voll Eis und Schnee. Zu essen gab es pro Tag einen Teller Fischsuppe und ein Stück Brot.“ Sie tauschen alles für ein bisschen Zusatznahrung: „Hunger war unser täglicher Begleiter.“ Als im Jänner 1915 Typhus ausbricht, sterben Hunderte. Weil der Boden gefroren ist, können sie nicht begraben werden. „Man warf die Toten in eine Erdhütte. Erst Anfang Mai wurden Massengräber geschaufelt.“

Auch Bilgeri erkrankt. Jeder Patient erhält täglich ein achtel Liter Milch und ein achtel Pfund Brot. Als Bilgeri hoch fiebert, tragen sie ihn mit einem anderen Kranken in einen kleinen Raum. „Die Russen nannten ihn Turm.“ Vier Wochen bleibt er dort. „Jeden Morgen hatte ich einen anderen Kameraden. Die anderen trug man tot hinaus.“ Aber er überlebt und hilft als ehemaliger Sanitätsoffizier bei der Pflege der Kranken.

1916 schuftet Bilgeri im Tunnelbau, 1918/19 hat er Glück und kommt in eine Gärtnerei. Sie gehört einem Richter. „Seine Frau war, wenn es niemand sah, sehr gut zu mir.“ Bilgeri lernt Russisch. Aber 1919 ist der Segen vorbei. Die Regierung stürzt. „Eines Tages erhielten wir den Befehl, uns in Reih und Glied aufzustellen. Jeder zehnte Gefangene wurde niedergeschossen. Da ich die Nummer 7 trug, überlebte ich dieses grauenvolle Niederknallen.“ Erst 1921 darf Bilgeri mit einem Gefangenentransport des Roten Kreuzes Lager und Bergwerk verlassen. Es geht Richtung Heimat. Endlich.

Warten, bis der Fluss zufriert

„Zusammen mit 800 anderen Gefangenen“ wird Bilgeri „auf ansteckende Krankheiten untersucht und in Krasnojarsk in einen Zug gepfercht“. Den Lokführer stellen die Gefangenen selber. In den Viehwaggons ist es eiskalt. Zwischen Russland und der Mandschurei – in einer internationalen Zone – „wurden uns alle Schriften, Pässe und anderen Habseligkeiten weggenommen“. Dann rollt der Zug auf ein Nebengeleise. Ist die Reise zu Ende? Stunden später geht es weiter. 100 Kilometer vor Wladiwostok aber hemmt eine gesprengte Eisenbahnbrücke die Fahrt. Hier warten die Gefangenen zweieinhalb Monate lang, bis der Fluss zufriert und sie Schienen über das Eis legen können. Dann endlich kommen sie ans Meer. Ein Eisbrecher aus Hongkong nimmt sie an Bord. Die Reise geht nach Singapur. In Sumatra gehen sie ein paar Tage an Land. „Nach der eisigen Kälte Sibiriens kamen wir uns auf der blühenden Insel, auf der Palmen und Kokosnusspalmen wachsen, wie im Paradies vor.“ Sie erreichen das Rote Meer. Stürme ziehen auf. Aber letztendlich durchqueren sie den Suezkanal. Eines Tages erfährt Xaver Bilgeri, dass an Bord ein Mann gleichen Namens sei. Sie laufen sich übern Weg. Reden miteinander. „Da erkannte er in mir seinen Bruder Xaver.“

Von Triest aus fahren die Brüder mit der Bahn heim in den Bregenzerwald. Sie werden festlich empfangen. „Von unseren sieben Jahren brachten wir nichts, aber auch gar nichts als unsere Erinnerungen mit.“ Die hat Xaver Bilgeri später aufgeschrieben. Da war er längst verheirateter Malermeister in Berneck. Ganz so, als wäre nichts geschehen.

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