Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Im Himmel

Vorarlberg / 10.08.2014 • 20:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ich war im Himmel.

Nein, nein, ich habe keine Nahtoderfahrung gemacht, und auch keine Erlebnisse mit Engeln gehabt. Ich war auf der Alpe Gamperdona, dem Nenzinger Himmel. Zwei Tage raus aus der Mühle. „Entschleunigung“ nennt man das heute modisch. Aber mir ist es egal, wie man das nennt.

Es braucht wenig, um viel zu erleben. Die launigen Erzählungen des Fahrers auf dem kurvenreichen Weg über der Schlucht. Eine Blumenwiese, auf der Noa, der Enkel unserer Freunde, selig herumrennen kann. Ein Regenguss auf dem Weg zur Berghütte, der uns ein wenig einbremst und die Farben noch besser leuchten lässt. Die Herzlichkeit unserer Gastgeber.

Das kann man überall haben? Ja und nein. Denn die Geschichten, die der Fahrer uns erzählt hat, und die Geschichten, die unsere Freunde uns erzählen, die dort schon ihr Leben lang im Sommer zu ihrem Häuschen fahren, diese Geschichten kann uns nirgendwo sonst jemand erzählen. Und ich weiß schon lange, keine Blumenwiese sieht aus wie die andere, kein Brunnen schmeckt wie der andere, kein Regen gleicht dem anderen.

Früher sind wir jeden Sommer hinauf in immer dasselbe Graubündner Bergdorf. Nun sind die Bergdörfer so nah, da darf es ab und zu ein anderes sein. Warum erzähle ich das?

Weil die Menschen, die sich in Vorarlberg Gedanken über die Entwicklung des Tourismus machen, verstanden haben, dass es darum geht, diese einfachen, elementaren Dinge zu kultivieren. Weil sich – langsam – die Erkenntnis ausbreitet, dass es langfristig vielleicht wichtiger ist, eine Kultur des Gastgeberseins zu entwickeln, als Kapazitäten von Seilbahnen zu erhöhen. Dass es mehr bedeutet, gute (manchmal auch „böse“, herausfordernde) Geschichten erzählen zu können, die die Neugier wecken, selber genauer hinzusehen, bleiben zu wollen, wiederkommen zu wollen – als Fernsehbildschirme in den Hotelzimmern zu installieren. Dass es am wichtigsten ist, mit Gästen eine Beziehung aufzubauen, Gästen, die nirgends sonst in Österreich (mal von Wien abgesehen), so viel Interesse an Kultur mitbringen wie in Vorarlberg. Interesse an moderner, mit der Landschaft korrespondierender Architektur, an Museen, die man anderswo nicht finden kann, an großen und kleinen Festivals, die nur hier, ob am See im Sommer oder im Walser Herbst möglich sind, Interesse an der Begegnung von zeitgenössischer Kunst mit einer lebendigen, also sich immer wieder in Frage stellenden regionalen Tradition.

Die Touristik im Land hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt und sie beginnt, mit den Kulturschaffenden zusammenzuarbeiten. Davon kann das ganze Land etwas lernen. Wie wichtig es ist, gute Gastgeber zu sein, zum Beispiel. Wie wichtig es ist, Menschen ins Land zu holen, die hier arbeiten und leben wollen, auch in der Touristik – und deren Talent, mit „Fremdheit“ umgehen zu können, ein Reichtum für dieses Land sein kann. Von denen man lernen kann, wie man mit „Fremden“ Vertrautheit teilen kann. Die „Fremden“ sollen schließlich wiederkommen – und manche: bleiben. Da hilft Neugier aufeinander eben mehr als Ressentiments. Davon gibt’s im Lande eh noch mehr als genug.

hanno.loewy@vorarlbergernachrichten.at
Hanno Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems.
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