Jesiden sind eine verschworene Gemeinschaft

Vorarlberg / 12.08.2014 • 19:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Siaband Sarangian, Khudo und Iskhan Avdalyan: Taus-i Melek, der „Engel Pfau“, ist für Jesiden der Mittler zu Gott.  Foto: VN/Hofmeister
Siaband Sarangian, Khudo und Iskhan Avdalyan: Taus-i Melek, der „Engel Pfau“, ist für Jesiden der Mittler zu Gott. Foto: VN/Hofmeister

20 jesidische Familien leben in Vorarlberg. Die VN besuchten drei Vertreter in Schruns.

Schruns. Wer sind diese Jesiden, die zu Zehntausenden ins irakische Sindschargebirge geflüchtet sind und dort bei ihrem Hauptheiligtum Lalish seit Wochen um ihr Leben bangen? Warum verfolgen die islamistischen Terroristen der IS sie als „Teufelsanbeter“?

In Vorarlberg leben 20 Familien dieser religiösen Minderheit. Die VN trafen Sarangian Siaband (30) in seiner Schrunser Wohnung. Er ist Jeside und kam 2007 aus der Ukraine nach Vorarlberg. Heute hat er einen Aufenthaltstitel und arbeitet zusammen mit Khudo Avdalyan (47) als Metallarbeiter in Vandans.

Jesiden sind weder Muslime noch Christen oder Hindus. Ihre Religion ist alt. Sie reicht weit über das 12. Jahrhundert zurück. In dieser Zeit traf Scheich Adi ibn Musafir in den kurdischen Bergen ein und gab den Jesiden jenes starre Kastensystem, das bis heute aufrecht ist. Sheikhs stehen als Lehrer den Murids (dem Volk) gegenüber. Priester nennen die Jesiden „Pirs“.

Jeder Jeside wird in seine Kaste hineingeboren. Er darf sie ein Leben lang nicht verlassen. Über Kastengrenzen hinweg wird auch nicht geheiratet. „Das ist strikt verboten“, betont Khudo. Sein Sohn Iskhan (18) holt eben bei der Volkshochschule Götzis den Hauptschulabschluss nach. Er weiß heute schon, dass nur ein jesidisches Mädchen als künftige Braut infrage kommt. Ist das nicht furchtbar rigide und altmodisch? „Wir sind einfach zu wenige“, argumentiert Khudo. Denn Jeside ist man nur, wenn auch Vater und Mutter jesidisch sind. Ansonsten erlischt das Jesidentum. Das klingt nach dem grausamen Kastensystem der Hindus. Aber alle Jesiden haben die gleichen Rechte und Pflichten. Auch Frauen sind gleichberechtigt.

Seelenwanderung

Jesiden glauben an einen allmächtigen Gott, der die Welt erschuf. Er gab den Menschen die Sinne und den Verstand, sodass sie sich für den richtigen Weg im Leben entscheiden können. Jeder Mensch ist somit für seine Taten selbst verantwortlich.

Für Jesiden mündet der Tod in der Seelenwanderung. Danach geht das Leben in einem anderen Körper weiter. In welchem, hängt von den zu Lebzeiten begangenen Taten ab. In diesem Zusammenhang spielen die sogenannten Jenseitsgeschwister (eine Jenseitsschwester „chucha achrete“ und ein Jenseitsbruder „biraye achrete“) die wichtigste Rolle. Jesiden wählen sich in der Jugend eine Jenseitsschwester oder einen Jenseitsbruder. Die innige Verbindung hält ein Leben lang. Am Tag des jüngsten Gerichts übernehmen diese Wahlgeschwister gegenseitig die moralische Mitverantwortung für ihre Taten. In der Totenzeremonie begleiten sie den Verstorbenen bzw. die Verstorbene auf dem Weg zu einer neuen Bestimmung. Nach jesidischem Glauben bestand die Verbindung der Jenseitsgeschwister bereits im vorherigen Leben und wird im künftigen Leben weiter bestehen. Siaband, Khudo und Iskhan haben diese Tradition nicht vollzogen. „Wir haben keinen Priester hier“, sagt Khudo. Es gibt auch kein Gotteshaus. Ihre Gebete sprechen sie zu Hause.

Das Böse „gibt es nicht“

Für Jesiden gibt es weder Hölle noch Teufel. Sie negieren die Vorstellung des Bösen vollkommen. Wie die Christen in Jesus einen Mittler zu Gott fanden, spielt in den jesidischen Glaubensvorstellungen der Taus-i Melek, der sogenannte „Engel Pfau“, eine vermittelnde Rolle. Als Oberhaupt von sieben Engeln hat er eine Art Stellvertreterfunktion Gottes inne. Er wird als Pfau dargestellt und dient Gott als Wächter der Welt und als Mittler zu den Menschen: Zu ihm beten die Jesiden.

Zum Jesidentum kann man nicht konvertieren. Als Jeside wird man ausschließlich geboren. Jesiden missionieren auch nicht. Sie bleiben weitestmöglich unter sich. Vielleicht gerade deshalb erlitten sie über die Jahrhunderte grausame Verfolgung. Islamisten werfen ihnen den „Engel Pfau“ als Vielgötterei vor. Die säkulare Welt von heute trägt gewaltige Spannungen in die jesidische Gemeinschaft. Deutsche Jesiden machten zuletzt auch vor Gericht durch Zwangsheirat und Ehrenmorde von sich reden.

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