Meinrad Pichler

Kommentar

Meinrad Pichler

Wahrheit und Krieg

Vorarlberg / 13.08.2014 • 19:15 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen“, notierte der Wiener Schriftsteller Karl Kraus bereits kurz nach Kriegsbeginn im Herbst 1914. Doch auch nach der Katastrophe des vierjährigen Völkermordens wollte man pazifistische oder auf Kriegsursachen hinweisende Literatur nicht verbreitet sehen. Etliche der Offiziere, die nach 1918 eine zivile Beschäftigung suchten, nahmen die Geschichtsschreibung in die Hand und diktierten bald wieder die öffentliche Meinung. In ihren Darstellungen machten sie den Krieg zum Heldenlied, verschwiegen soldatisches Elend, militärische Kriegshetze und strategisches Versagen der Armeeführung und machten die Heimatfront für die Niederlage verantwortlich.

Angesichts dieser Meinungsführerschaft hatte eine kritische Aufarbeitung des großen Krieges kaum Förderer und wenig Publikum. Die konservative und nationale Politik schlug sich alsbald auf die Seite der militärischen Geschichtsbetrachtung. Der Vorarlberger Landeshauptmann Ender ließ beispielsweise die Aufführung des Films „Im Westen nichts Neues“ nach dem pazifistischen Romanerfolg von Erich Maria Remarque 1928 verbieten. Friedensappelle fanden in Zeiten der Revanche-Politik wenig Gehör oder wurden als „zersetzend“ diffamiert.

Fast ungehört blieb auch die tiefschürfende Analyse des englischen Historikers Arthur Ponsonby, der in seinem 1928 erschienenen Buch „Lüge in Kriegszeiten“ zehn Grundprinzipien der Kriegspropaganda herausdestillierte. Die Lügenmärchen, die die Kriegstreiber verbreiten lassen, haben sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nur im äußeren Gewand, nicht aber im inhaltlichen Kern gewandelt: Immer hat die eigene Seite den Krieg nicht gewollt, die Verantwortung trägt der Gegner; die eigene Sache ist eine gerechte; der Anführer der gegnerischen Seite ist ein Teufel; der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen und begeht Grausamkeiten; die Gegenseite hat hohe Verluste, die eigenen sind gering; die eigene Mission ist gerecht; und die Zweifler und Nörgler sind Verräter.

Ponsonbys Kernsatz: „Wenn der Krieg beginnt, stirbt als erstes die Wahrheit“, ist nicht nur zum Zitat geworden, er gilt auch heute noch. Nahezu alle deutschsprachigen Leitmedien beten etwa im Ukraine-Konflikt jene „Wahrheiten“ nach, die der neue ukrainische Oligarch von teuren Propagandisten und in Abstimmung mit den USA und der NATO streuen lässt. Der „Spiegel“ titelte vor Tagen empört „Stoppt Putin jetzt“. Als die zahlreichen Postings seiner Leserschaft aber Verhandlungen statt Boykottmaßnahmen forderten, wurde das Forum geschlossen. Schon 1914 wurde nicht nur die Wahrheit, sondern gleich auch der Restbestand an Demokratie beseitigt.

meinrad.pichler@vorarlbergernachrichten.at
Meinrad Pichler ist Historiker und pensionierter Gymnasialdirektor.
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