Brotvermehrungen

Vorarlberg / 15.08.2014 • 17:56 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Südsudanesische Flüchtlingskinder am Grenzposten Joda. foto: reuters
Südsudanesische Flüchtlingskinder am Grenzposten Joda. foto: reuters

Am 28. Juli durfte ich das großartige, berührende Konzert „War Requiem“ von Benjamin Britten miterleben, ein Requiem für den Ersten Weltkrieg, der genau an dem Tag vor hundert Jahren begonnen hatte. Dieser Völkerkrieg forderte 17.215.246 Opfer an Zivilisten und Soldaten. Im Zweiten Weltkrieg mussten sogar über 54 Millionen Menschen ihr Leben lassen. Einfach unbegreiflich und unglaublich!! Das Kriegen und Morden geht weiter bis heute, wie wir es im Gazastreifen und Israel, in Syrien, in der Ukraine, im Irak, in Nigeria und anderswo erleben.

Damals und heute

In der Erzählung von der Brotvermehrung (Mt 14,13-21), die wir vor zwei Sonntagen hörten, heißt es, dass Jesus Mitleid mit den vielen Männern, Frauen und Kindern hatte, die ihm mit ihren Leiden und Nöten, auch mit ihren Hoffnungen nachliefen. Heute hat er es mit den Tätern und Opfern all der Grausamkeiten und jeglicher Gewalt.

„Schick doch die Leute weg“, meinten die Jünger. „Sie sollen nach Hause gehen!“

Vielleicht denken wir ähnlich: „Es gibt noch viele, die du fortschicken solltest, z.B. alle Kriegshetzer und fanatischen Mörder. Die jage in die Wüste oder sonst irgendwohin. Schick auch die Milliarde von Hungernden weit weg, denn die Schreckensbilder schlagen uns aufs Gemüt. Vertreibe zudem die immer größere Menge von Asylwerbern und die lästigen Bettler ebenfalls, damit wieder Ruhe und Ordnung herrschen!“

Überraschende Reaktion

Jesus handelt nicht wie erwartet: „Nein, gebt ihr ihnen zu essen!“ Leichter gesagt als getan! Auf die Dauer können wir alle nicht die Probleme der Welt lösen. Aber Jesus beharrt: „Bringt her, was ihr habt! Bringt die ,fünf Brote und zwei Fische‘ eurer Betroffenheit, eurer Menschlichkeit, auch der finanziellen Hilfe. Und ebenso der Zeit, die ihr erübrigen könnt, um jemandem zuzuhören, einen Dienst zu leisten und Anteil zu nehmen am Schicksal anderer. Lasst die Leute Platz nehmen, nicht nur auf der Wiese, sondern in eurem Herzen. Ihr werdet sehen, welche Wunder geschehen, kleinere und größere!“

Man muss es nur sehen

Menschen empfangen das Brot eines neuen Daheims. Vor einiger Zeit wurden bei uns über das Radio Quartiere für AsylwerberInnen gesucht. Und siehe da, von fünf
ZuhörerInnen kamen Angebote für eine Wohnung. Immerhin!

Menschen bekommen das Brot der Solidarität. Weil eine bestens integrierte Flüchtlingsfamilie in Sulzberg abgeschoben werden soll, haben sich 200 Personen aus Vorarlberg bereit erklärt, sich schützend vor diese Familie zu stellen. Menschen erhalten das Brot zum Überleben. Die August-Sammlung der Caritas für Hungernde in verschiedenen Ländern bewegt viele, tatkräftig durch eine Spende Not zu lindern.

Menschen wird das Brot des Glaubens geschenkt. Auch wenn die Zahl der Gottesdienstbesucher abnimmt, es kommen doch Sonntag für Sonntag solche, die Hunger haben nach einem guten Wort, nach der segnenden Nähe Gottes, nach der Gemeinschaft – Kommunion – mit Jesus und untereinander.

Menschen wird das Brot der Hoffnung zuteil, weil andere da sind, die sie ermutigen, trösten.

Die Opfer des Hochwassers in Bosnien und Serbien, die Flüchtlingskinder im Libanon, die 1,5 Millionen Menschen im Südsudan, die ihre Heimat verlassen mussten, sie alle erhalten hoffnungsvolle Hilfe.

Menschen wird das Brot der Liebe gereicht. Im Gegensatz zu all den schrecklichen Geschehnissen werden tagtäglich milliardenfach Zeichen der Liebe gesetzt, tun Menschen anderen zuliebe unendlich viel Gutes.

Mangelware Friede

Was meiner Meinung nach ganz besonders fehlt, ist das Brot des Friedens. Nicht umsonst beten wir bei jeder Messfeier ausdrücklich um den Frieden. Die Kämpfe und Gewalttaten im Großen und im Kleinen, die laufend irgendwo passieren, machen uns wütend, traurig, wecken das Gefühl der Ohnmacht.

Aber auf der anderen Seite wird auch unaufhörlich – oft ausdrücklich im Namen Jesu – der Hunger nach gutem Leben gestillt. Und da können wir mithelfen.

Dazu eine kleine Geschichte: Ein Mensch sah die Schreckensbilder von Hungernden, von zerbombten Häusern, von den Ertrunkenen vor Lampedusa. Zornig fragte er Gott: „Warum tust du nichts dagegen? Wie kannst du das zulassen?“ Eine Zeit lang sagte Gott nichts. Aber in der Nacht antwortete er ganz plötzlich: „Ich habe wohl etwas dagegen getan, ich habe dich geschaffen!“ Es gibt laufend Brotvermehrungen!

Südsudanesische Flüchtlingskinder am Grenzposten Joda. foto: reuters
Südsudanesische Flüchtlingskinder am Grenzposten Joda. foto: reuters

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