Ob sie wissen, was sie tun?

Vorarlberg / 15.08.2014 • 22:13 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Stefan Denifl Foto: ec

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Unglück oder Absicht: Straftäter sind für die Justiz oft schwer zu durchschauen.

Feldkirch. Der Laie unterscheidet meist nur diese zwei Möglichkeiten: Versehen oder Absicht. Beim Gesetzgeber ist Versehen „Fahrlässigkeit“, beim Vorsatz unterscheidet er aber drei Abstufungen. „Absicht“ bedeutet, wie im allgemeinen Sprachgebrauch auch, dass es jemandem geradezu darauf ankommt, einen Erfolg zu verwirklichen. Also beispielsweise einen verhassten Nebenbuhler absichtlich mit einer abgeschlagenen Bierflasche schwer zu verletzen, indem man ihm mehrere Stiche in den Bauchraum versetzt.

Die etwas schwächere Variante ist, wenn jemand es zwar nicht unbedingt darauf anlegt, aber um die Folgen seiner Tat weiß. Die schwächste und am schwierigsten zu verstehende Vorsatzvariante ist, wenn jemand einen Erfolg – also zum Beispiel eine gebrochene Nase – als Folge seines Faustschlags ernstlich für möglich hält und sich damit abfindet. Maßgeblich ist der Zeitpunkt des Ausholens zum Schlag.

Nicht immer einfach

Bei Verbrechen, insbesondere Beziehungstaten, tut Menschen im Nachhinein häufig leid, was sie angerichtet haben. Der Ehemann, der weint, weil er seine Frau – aus heutiger Sicht – nicht töten wollte.

Täter haben oft selbst Probleme damit, sich zurückzuversetzen in die damalige, eventuell aufgeheizte Situation und zu reflektieren, was sie in jenem Moment eigentlich wollten. Vieles verschwimmt. Wollte der Ehemann nur, dass die Frau endlich still ist? Hielt er eine Verletzung für möglich, niemals aber den Tod?

Knackpunkt

Da man nur aus äußeren Umständen auf den inneren Zustand und die Intentionen schließen kann, entwickelt sich die Frage „Was wollte der Täter zum Zeitpunkt der Tat?“ meist zum Knackpunkt von Schwurgerichtsprozessen. Vor allem Laien stellen häufig darauf ab, wie sich der Täter am Verhandlungstag gibt. Weint er, bricht fast zusammen, beteuert, seine Frau geliebt zu haben, dann ist es schwer, zu beurteilen, ob er damals töten wollte.

Der Gedanke zählt

Häufig verfälschen Verdrängung und Selbstmitleid das Bild. Wer kann schon wissen, was der Täter vor mehreren Monaten wirklich wollte, und welche Gedanken ihm bei der Tat durch den Kopf gegangen sind. Mitunter vergeht über ein Jahr zwischen Verbrechen und Prozess. Gutachten und aufwendige Ermittlungen können dauern. Dann ist es besonders schwierig, die Vorsatzfrage zu entscheiden. Doch eine Verurteilung braucht eben beides.

Dass der Täter einen Sachverhalt verwirklicht hat, der strafbar ist, und dass er das – in welcher Form auch immer – wollte. Nicht selten scheitert an der Frage der „inneren Tatseite“ eine Verurteilung, auch wenn es um brutale Verbrechen geht.

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