Prediger in Sachen Eigenverantwortung

Vorarlberg / 17.08.2014 • 21:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Eine wichtige Beschäftigung für Dr. Hermann Girardi ist das Lesen.  VN/HB
Eine wichtige Beschäftigung für Dr. Hermann Girardi ist das Lesen. VN/HB

Konzept des Hermann’schen Dreischritts als Pensionsaufgabe – mehr Subsidiarität.

Bregenz. (ee) „Ich bin 1986 in den Ruhestand gegangen, mir war seither nie langweilig. Meine Lebensaufgabe ist es nach wie vor, durch Broschüren und Vorträge den Bürger noch mehr zur Selbständigkeit, Eigenverantwortung und Eigenständigkeit hinzuführen. Sonst kann mein Konzept für die Gesundheits- und Sozialpolitik, das Vorarlberger Modell, nicht funktionieren.“

Das erklärt im Gespräch mit den VN in seinem Heim in Bregenz Hofrat i. R. Dr. Hermann Girardi, der 1964 zusammen mit Obermedizinalrat Dr. Leopold Bischof den Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin gegründet hatte, der 1971 mit der Gründung des Vereins Institut für Sozialdienste (IfS) weitergeführt wurde.

Das IfS ist heute eine der wichtigsten Sozialinstitutionen in Vorarlberg. Geblieben sind die grundlegenden Prinzipien dieses in Österreich einmaligen Vereins, der weitgehend Aufgaben der öffentlichen Hand übernommen hat. Sein Motto heißt: „Weniger Staats- und mehr Eigeninitiative auch im Dienstleistungsbereich der Sozialarbeit – Subsidiarität, Unabhängigkeit von politischen Parteien und von konfessionellen Bindungen kommen hier in unserer Gesellschaft Benachteiligten zugute.“

Girardi ist im VN-Gespräch überzeugt davon, dass jeder einen Beitrag für eine bessere Gesellschaft leisten kann. Mit seiner Konzeption unterstützt der von Girardi nach Eigenangabe als „Pensionsaufgabe“ entwickelte „Lauterweg“ (Hermann’scher Dreischritt) jene Mitmenschen, die eine Orientierungshilfe zu einer sinn- und wertorientierten Lebensführung suchen. Damit die Eigenverantwortung wirksam werden kann, müssen Aufgaben und Zuständigkeiten neu aufgeteilt werden, wobei den kleineren Einheiten der Vorrang gegeben werden muss, beginnend beim Einzelnen.

Drei Arbeitsschritte

Damit sich die Person in Eigenverantwortung entwickeln kann, muss – so Girardi – in drei Arbeitsschritten vorgegangen werden:

» Sinn- und Zielfindung als wichtigster Teil jedes Handelns. Die Ziele müssen aus den Bedürfnissen des Einzelnen zu allgemeinen Normen verdichtet werden.

» Umsetzung der Ziele. Richtig ist, was zum Ziel führt. Fehler sind zugelassen, ja notwendig, um zu Besserem zu gelangen.

» Die Auswertung motiviert und bringt Fortschritt. Demgegenüber erlaubt die Revision als Instrument einer obrigkeitlichen Gesellschaft keine Fehler und verhindert Lernen, demotiviert und bringt nur Stillstand.

Schwierige Aufgabe

„Gerade in der heutigen Zeit, wo vieles vom Staat verlangt wird, wird immer mehr deutlich, dass letztlich nur noch wir als Einzelmenschen für unser Wohl zuständig sind, dass wir nur als Bürger die heutigen gesellschaftlichen Probleme lösen können“, stellt Girardi klar, räumt aber ein: „Zugegeben, es wird zunehmend schwieriger, diese persönliche Verantwortung wahrzunehmen, da unsere Gesellschaft so komplex ist und wir das Geschehen bestenfalls noch in unserem unmittelbaren Umfeld übersehen können.“

Girardi abschließend: „Wichtig ist, möglichst viele Verantwortungsbereiche in die Nähe des Einzelnen abzugeben. Das Subsidiaritätsprinzip stellt die Selbstverantwortung vor staatliches Handeln und ist ein geeigneter Grundsatz, die Verantwortungsbereiche festzulegen.“

Hofrat Girardi 1986 mit LH Herbert Keßler. Foto: Privat  
Hofrat Girardi 1986 mit LH Herbert Keßler. Foto: Privat  

Zur Person

Dr. Hermann Girardi

Geboren: 1925 in Bludenz

Werdegang: 1947 bis 1948 Fahrdienstleiter, anschließend Tätigkeit bei den Textilwerken Lorünser, Jusstudium in Innsbruck als Werkstudent, 1953 Eintritt in den Vorarlberger Landesdienst, Tätigkeit in der Bezirkshauptmannschaft Feldkirch, 1956 Wechsel ins Präsidium, Übernahme des Sozial- und Gesundheitsbereichs

Familie: verheiratet, drei Söhne

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