Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Meine Tante

Vorarlberg / 19.08.2014 • 18:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Erlauben Sie mir, über meine Tante zu schreiben. Sie ist fast hundert Jahre alt geworden und war mit sechsundachtzig Jahren noch auf dem Piz Buin. Sie steht für viele Frauen dieser Generation, die das Leben genommen haben, so wie es eben kam, ohne zu jammern, ohne zu hadern. Als der Erste Weltkrieg begann, wurde sie geboren, sie war das dritte von sieben Kindern, hat ihre Eltern früh verloren und früh Verantwortung übernommen.

Wir knieten in der Kirche, verwelkende Pflanzen, und dachten an die starke Frau.

Als unsere Mama sehr krank geworden war, hat sie mich und meine beiden Schwestern bei sich aufgenommen, zu den drei eigenen Kindern. Zwei Erwachsene und sechs Kinder in einer Dreizimmerwohnung. Meine beiden Schwestern schliefen bei der Cousine im Bett. Ich hatte meine Schlafstatt im Wohnzimmer. Weil ich so unruhig war, stellte sie mir jeden Abend einen Lehnstuhl ans Bett, damit ich nicht herausfalle. Im Wohnzimmer wurde nie geheizt, nur zur Weihnachtszeit. Dort stand dann auch der Christbaum.

Früh am Morgen weckte sie uns, riss das Küchenfenster weit auf, sagte, wir sollten uns bewegen, die Hände zu den Füßen und tief einatmen. Bei ihr war alles blitzblank. Ich weiß bis heute nicht, wie sie das schaffte. Ich sah sie nie im Lehnstuhl sitzen.

Ich sehe sie am Herd stehen, als unsere Mama starb. Sie hatte den Kopf gesenkt und ließ die Tränen rinnen. Meine Schwester schlug ihren Kopf an die Wand. Ich kam gerade von der Turnstunde. Eine Freundin hatte mir erzählt, dass sie sich einen Hund wünschte, das war alles so weit weg. Es gab wie jeden Samstag Kartoffeln mit gelben Rüben und Siedfleisch. Am Sonntag dann tischte sie die gute Suppe auf. Sie kochte, wie Fernsehköche es nie in ihrem Leben schaffen, machte aus wenig viel, und das schmeckte. An diesem Tag versammelten wir uns um den Tisch und beteten einen Rosenkranz für unsere Mama. Ich dachte, davon wird sie auch nicht mehr lebendig, ich war verzweifelt und elf Jahre alt.

Ich sehe mich vor der Wohnungstür sitzen und eine Kompanie Schuhe putzen, das war meine Arbeit. Ich polierte, bis sie glänzten.

Unsere Tante war gerecht und streng. Sie sagte, alles, was sie für unser Leben mitgeben könne, seien Ehrlichkeit und Ordnung und dazu noch eine gerade Haltung. Wir stolzierten in der kleinen Küche mit einem Buch auf dem Kopf, liefen auf Zehenspitzen, bückten uns unter dem Seil, auf dem die Wäsche hing. Sie gab uns den Rat, den Mann, für den wir uns entscheiden würden, gut anzuschauen. Geheiratet ist bald, sagte sie, und das ist dann für das ganze Leben. Wir sollten auch selbstständig sein und uns nicht bedienen lassen. Unsereins, sagte sie, lässt sich nicht bedienen und bedient auch keinen.

Ich schaute auf ihr Bild – sie steht auf einem Berg, und es sieht aus, als lehne sie an einem Felsen. Sie war ein Fels. Ich verneige mich vor ihr.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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