Wachsen oder schrumpfen?

Vorarlberg / 31.08.2014 • 19:21 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Vor einem Jahr schrieb ich an dieser Stelle über den „Welterschöpfungstag“, an dem die Menschheit alle Ressourcen, die der Planet in einem Jahr zur Verfügung stellt, bereits verbraucht hat. Seit 19. August lebt die Menschheit über ihre ökologischen Verhältnisse, einen Kalendertag früher als im Vorjahr. Weltweit wird eine Bewegung, die sich für „degrowth“, „décroissance“ oder „Postwachstum“ engagiert, breiter. Zur vierten gleichnamigen Konferenz in Leipzig vom 2. bis 6. September werden 2000 Teilnehmende erwartet.

Die Kernbotschaft: Das gegenwärtige Wirtschaftsmodell ist nicht enkeltauglich, weil eine Minderheit der Menschheit so viele Ressourcen verbraucht, dass der Mehrheit und zukünftigen Generationen nichts bleibt, ohne das Überleben aller zu gefährden. Auswege aus der Materialorgie gibt es: Fokus auf immaterielle Werte, Entschleunigung, längere Nutzung, Teilen von Werkzeugen und Infrastruktur, sinnstiftende Eigenarbeit und Erschließung des inneren Reichtums. Diese Strategien stehen aber in diametralem Gegensatz zum Wachstumsziel in der Wirtschaft. Geringeres oder gar negatives Wachstum bedeutet weniger Erwerbsarbeitsplätze, bedeuten weniger Konsum, bedeuten Rezession und das Absinken in einer Teufelsspirale. Das gegenwärtige Wirtschaftsmodell bietet keinen Ausweg aus diesem Dilemma – wir befinden uns in einer Systemkrise.

Ein systemischer Ausweg läge darin, das Ziel des Wirtschaftens direkt zu messen. Wenn Bedürfnisbefriedigung, sinnstiftendes Tätigsein, Nachhaltigkeit und Lebensqualität zu offiziellen Erfolgsindikatoren der Wirtschaft werden, können sie auch direkt angestrebt werden – anstatt über den Umweg über das BIP, der vom eigentlichen Wegziel, dem umfassenden Gemeinwohl, abbringt. Dafür müssten die rechtlichen Marktanzreize auf die Erreichung dieses Zielsystems abgestimmt werden. Nachhaltiges Wirtschaften muss kostengünstiger und ethischer Konsum preisgünstiger werden als Prassen und Wachsen. Auf diese Weise werden mithilfe der Marktkräfte jene Produktionsformen und Investitionen weggesiebt, die mit übermäßigen Ressourcenverbrauch einhergehen – gleichzeitig werden jene Wirtschaftsformen gefördert, die im Einklang mit der Tragfähigkeit des Planeten stehen.

Wie schlimm wäre das für EuropäerInnen, die derzeit das Drei-, Vier- oder Fünffache dessen verbrauchen, was ihnen bei global gerechter und nachhaltiger Ressourcenverteilung zusteht? Laut Glücksforschung und Sozialpsychologie gar nicht: Übereinstimmend mit zeitlosen Weisheitsschulen sagen sie: Erfüllend ist ein Leben, wenn es sparsam an Dingen und reich an Beziehungen, Erfahrungen und Werten ist. Während das Materielle bis zu einer relativ niedrigen Grenze essenziell ist, sind die immateriellen Güter oberhalb dieser Grenze unschlagbar. „Der Planet hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“, hat es Gandhi formuliert. Ein Wirtschaftsmodell, das auf neurotischem Wachstum und auf jedermanns Gier aufbaut, ist obsolet. Die Weisen unserer Zeit zeigen den Weg zu wachsendem Glück bei sinkendem Güterkonsum.

info@christian-felber.at
Der Salzburger Christian Felber ist freier Publizist und Autor,
der die Idee der Gemeinwohl-Wirtschaft vertritt.

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