Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Nicht umarmen, Mutter!

03.09.2014 • 17:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Herbst. Schulbeginn im Osten. Es gibt Beschwerden.

„Das ist urungerecht!“

„Was?“

„In Vorarlberg sind noch Ferien!“

„Dafür war dort noch Schule, als ihr schon…“

„Dennoch.“

„Und bei dem Wetter sind Ferien eh nur das halbe Vergnügen.“

„Jajaja. Dennoch!“

Hat man sich früher nicht ein bisschen, nur ein paar Tage lang, darüber gefreut, dass die Schule wieder anfängt? Auf einen neuen, frischen Anfang? Auf ein neues Federpennal, neue Stifte, neue Hefte, darauf, nach einem Sommer aus barfuß wieder Schuhe zu tragen, im besten Fall neue? War man nicht ganz gierig darauf, die Freundinnen wieder zu treffen, die man zwei Monate nicht oder nur ganz selten gesehen hat, ihnen vom Sommer und seinen Höhepunkten zu berichten?

O. k.: Die neuen Turnschuhe erleichtern auch modernen Teenagern das harte Ferienendeschicksal ein klein wenig. Und das Wiedersehen mit den Freuden. Man hat ja auch genug Erzählenswertes erlebt. Man geriet am Meer in ein Gewitter. Man hat mit dem Smartphone einen tüchtig gewalthältigen Horrorfilm gedreht. („Nein, Mama, ich kann jetzt nicht das Zimmer aufräumen, ich muss jetzt die Lilly in der Badewanne ertränken.“ „Ach so, dann halt danach.“ „Danach schubst mich aber der Josef vom Nussbaum in den Tod.“ „Okay, viel Spaß dabei, aber aufgeräumt wird heute noch.“) Dass man sich das Schlüsselbein gebrochen, als man bei Oma und Opa auf Sommerfrische war, während die Mutter ganz weit weg die ungewohnte Ruhe in Kreativität unzuwandeln versuchte. Also nicht vor Ort war, um dezibelstark nachzufragen, ob dem Kind komplett die Birne weich geworden ist, als es mit dem Handy spielte, während es auf dem Skateboard dahinglitt.

„Zum tausendsten Mal, ich habe nicht gespielt!!! Ich habe Musik gehört und ein neues Lied gesucht!!!!“

„Eh.“

„Und wenn nicht die Straßenkreide dort gelegen hätte, wär’ überhaupt nichts passiert!“

„Eh!“

Jedenfalls hatte die Mutter, obwohl das Kind bei den Großeltern, Tanten und Cousinen in besten und liebevollsten Händen war, sofort alles stehen und liegen gelassen, sich abermals in den Railjet verfügt und war zurück an den Herkunftsort geeilt, um dem armen, armen Mausi beizustehen.

„NICHT umarmen, Mama!!!! Das tut weh!“

„Entschuldigung.“

„Heulst du jetzt? Ma, süß. Und ein bissi peinlich.“

Ich geh ja schon. Verbringt man halt noch einen Nachmittag lang bei Prosecco und Gelächter mit der xiberger Verwandschaft und stößt an: Hätte schlimmer kommen können, wird alles wieder gut.

Ist in der Zwischenzeit schon längst wieder gut. Und jetzt wieder Schule.

Die Mutter beschwert sich darüber übrigens kein bisschen.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.