Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Das kann man noch brauchen

01.10.2014 • 17:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ambitionierter Plan für den Herbst: ausmisten. Was in anderen Familien, speziell in eng verwandten, an einem Mittwoch zwischen zehn und elf erledigt ist, dafür muss man hier leider eine ganze Saison einplanen, und man sollte besser einen Teil der nächsten miteinrechnen, weil die Gefahr besteht, dass die zuerst ausgemisteten Winkel dann wieder komplett verstellt, versaut und vollgerümpelt sind.

Die aktuelle Vorgabe lautet nämlich: Jeden Tag einen Winkel ausmisten, auch wenn der Winkel nur ein Winkerl ist. Es können aber auch die kleinsten Winkerl kastatrophal viel Arbeit machen, in einer Familie, in der kein einziges Mitglied in der Lage ist, Produktverpackungen wegzuschmeißen, sich von zehn Jahre alten Zeitschriften zu trennen, oder einmal eines dieser glänzenden, in Folien abgefüllten Kosmetikpröbchen nicht vorsichtig aus der Mode-Zeitschrift zu lösen und zu den anderen, teilweise zehn Jahre alten Pröbchenpackerl in die Pröbchenpackerl-Kiste im Badezimmer zu werfen. Man weiß ja nie. Plötzlich geht einem ganz unvermutet das Glanz-Volumenshampoo oder das Anti-Spliss-Serum aus, oder, Gott bewahre, die Anti-Aging-Relaxing-Maske, dann ist man froh und dankbar, dass man in den guten Zeiten diese Pröbchen gesammelt hat. Ja.

Passiert natürlich nie, genauso wenig wie man sie je, was daran nämlich auch total praktisch ist, mit auf Reisen nimmt. Sie bleiben jahre- und jahrzehntelang in dieser Kiste, ungeöffnet. Oder auch geöffnet und halb verbraucht, weil man die andere Hälfte schon morgen aufbrauchen wird. Das wäre ja alles auch nicht so schlimm, wenn es wirklich eine Pröbchenpackerl-Kiste wäre, nur mit Pröbchenpackerl. Homogene Sammlungen sind schön, das hat einen ganz eigenen Zauber. Kunst ist das eigentlich schon. Ich habe vor vielen Jahren einen jetzigen Bachmann-Preisträger in seinem damaligen Wohngemeinschafts-Zuhause interviewt, und dort gab es auf dem Küchenschrank ein Tetrapack-Laschen-Massiv, jeder in der WG warf die abgerissene Milchpackerllasche immer auf diesen Kasten, jahrelang, bis dort oben eine Art Milchpack-Laschen-Mont-Blanc an der Decke anstieß. Das war irgendwie schön.

In der Pröbchenpackerl-Badezimmerkiste finden sich allerdings, das weiß man seit gestern, keineswegs nur saubere, glänzende Folienpröbchen, sondern auch: ausgeleierte Haargummis, haarlose Make-up-Pinsel, aus der Packung bröselndes Aspirin, Haare, leere Tübchen, halbleere Tübchen, Tübchen, aus denen es herausstaubt, wenn man sie öffnet, mehr Haare, bröcklige Glitzer-Nagellacke aus 1998, versteinerte Reisezahnpasta, schmelzende Hotelseifen, schimmlige Hustenzuckerl, bröselige Lidschatten, mottenzerfressene Lidschattenapplikatoren, noch mehr Haare, ranzige Lippenstifte. Alles weggeschmissen: Ich bin so stolz.

Jetzt sind es nur noch ungefähr 93 Winkerl.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.