Der Tag, an dem die Länder erstarkten

Vorarlberg / 23.10.2014 • 17:54 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Titelseite der Vorarlberger Nachrichten am 21. November 1964. Fotos: VN-Archiv
Die Titelseite der Vorarlberger Nachrichten am 21. November 1964. Fotos: VN-Archiv

Vor 50 Jahren lehnte sich in Fußach Vorarlberg gegen Wien auf. Der Grund: Ein Schiff.

SCHWARZACH. (VN-mip) Faule Eier, Tomaten, ein gellendes Pfeifkonzert. Ihre Ankunft in Fußach haben sich die Festgäste wahrlich anders vorgestellt. Es ist Samstag, der 21. November 1964. Ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich warmer Tag. Auf dem Werftgelände in Fußach versammeln sich 20.000 Menschen, um der Taufe des neuen Prunkstücks der Bodenseeflotte beizuwohnen. Zum Feiern ist der aufgebrachten Menschenmenge allerdings nicht zumute. Verkehrsminister Otto Probst musste sogar umkehren, die Gendarmerie teilte ihm mit, für seine Sicherheit nicht garantieren zu können. Stein des Anstoßes: Das Schiff hätte auf den Namen Karl Renner getauft werden sollen, obwohl vom Landeshauptmann Ulrich Ilg bis zum Bregenzer Bürgermeister Karl Tizian sich beinahe das ganze offizielle Vorarlberg dagegen aussprach. Angeführt von den Vorarlberger Nachrichten formierte sich daraufhin eine Protestbewegung, die in der sogenannten „Fußach-Affäre“ gipfelte. Alles nur wegen eines Namens? Mitnichten. Es ging um mehr: Es ging um die Eigenständigkeit Vorarlbergs, gegen den Zentralismus und die Bevormundung aus Wien. Das Schiff trägt heute den Namen Vorarlberg.

Selbstbewusste Länder

In der Geschichte des österreichischen Föderalismus nimmt der 21. November 1964 eine wichtige Rolle ein. Peter Bußjäger, Direktor des Instituts für Föderalismus, erklärt: „Seit Fußach sind sich die Länder bewusst, dass die Bürger hinter ihnen stehen und sich gegen gewisse Gegebenheiten zur Wehr setzen.“ Laut dem Bludenzer Universitätsprofessor war dies einer der ersten erfolgreichen Bürgerproteste der Republik.

Ein sturer Minister

Die Machtverhältnisse damals haben diese Konfrontation natürlich befeuert. Auf der einen Seite ein roter Verkehrsminister in Wien, auf der anderen Seite das schwarze Vorarlberg. Allerdings misst Bußjäger dieser Gegenüberstellung nur einen geringen Stellenwert bei. „Die Landesregierung hat nicht viel ausrichten können. Es waren die Vorarlberger Nachrichten, die zum Protest aufriefen.“ Verkehrsminister Probst trage aber auch selbst eine große Verantwortung. „Da war ein Verkehrsminister, der nicht verstehen konnte, dass seine Entscheidung vom Volkswillen umgestoßen werden könnte.“ Ob dies heutzutage wieder möglich wäre? Bußjäger: „Die Medienberater der Minister würden ihrer Kundschaft sicher davon abraten, in einen Konflikt zu gehen, den sie nicht gewinnen können.“ Wie damals. Am 3. April 1965 demonstrierten rund 40.000 Personen auf dem Kornmarktplatz, am 30. Juli gab der Minister schließlich nach.

In wenigen Wochen jähren sich die Ereignisse von Fußach zum 50. Mal. Zu diesem Anlass veranstalten die VN eine Leserausfahrt auf dem Bodensee: auf dem Passagierschiff mit dem Namen Vorarlberg.

Fußach ist mit ein Grund für die Macht der Länder in Österreich.

Peter Bußjäger
Sogar die Kleinsten traten für ein freies Vorarlberg ein.
Sogar die Kleinsten traten für ein freies Vorarlberg ein.
Schild links: „Die größte Schand seit eh und je, die hier passiert am Bodensee, ist die, dass ein Minister kam, und unserm Schiff den Namen nahm.“
Schild links: „Die größte Schand seit eh und je, die hier passiert am Bodensee, ist die, dass ein Minister kam, und unserm Schiff den Namen nahm.“
20.000 Personen lehnten sich am 21. November 1964 gegen die Bevormundung aus Wien auf. Eine Sternstunde des Föderalismus.
20.000 Personen lehnten sich am 21. November 1964 gegen die Bevormundung aus Wien auf. Eine Sternstunde des Föderalismus.
repro, faksimile, 50 jahre ms vorarlberg, fussach, affäre, fussach affäre, fussach-affäre, dr. karl renner
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Die Österreich-Fahne wurde kurzerhand vom Mast genommen.
Die Österreich-Fahne wurde kurzerhand vom Mast genommen.
Die 20.000 Menschen vor Ort drückten mit einem Schild aus, was sie von der aufgezwungenen Namensgebung halten.
Die 20.000 Menschen vor Ort drückten mit einem Schild aus, was sie von der aufgezwungenen Namensgebung halten.
Schild links: „Die größte Schand’ seit eh und je, die hier passiert am Bodensee, ist die, dass ein Minister kam und unserm Schiff den Namen nahm.“
Schild links: „Die größte Schand’ seit eh und je, die hier passiert am Bodensee, ist die, dass ein Minister kam und unserm Schiff den Namen nahm.“
20.000 Menschen lehnten sich am 21. November 1964 gegen die Bevormundung aus Wien auf: eine Sternstunde des Föderalismus.
20.000 Menschen lehnten sich am 21. November 1964 gegen die Bevormundung aus Wien auf: eine Sternstunde des Föderalismus.
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Die Österreich-Fahne wurde kurzerhand vom Mast genommen.
Die Österreich-Fahne wurde kurzerhand vom Mast genommen.
Sogar die Kleinsten traten für ein freies Vorarlberg ein.
Sogar die Kleinsten traten für ein freies Vorarlberg ein.
Die Titelseite der Vorarlberger Nachrichten am 21. November 1964. Fotos: VN-Archiv
Die Titelseite der Vorarlberger Nachrichten am 21. November 1964. Fotos: VN-Archiv
Die 20.000 Menschen vor Ort drückten mit einem Schild aus, was sie von der aufgezwungenen Namensgebung hielten.
Die 20.000 Menschen vor Ort drückten mit einem Schild aus, was sie von der aufgezwungenen Namensgebung hielten.

VN-Leserausfahrt

» Ort: Die Ausfahrt beginnt am Bregenzer Hafen. Von dort geht es nach Fußach, anschließend wieder retour.

» Ablauf: Das Schiff öffnet um 12 Uhr seine Tore. Abfahrt ist um 13 Uhr, insgesamt dauert die VN-Leserausfahrt rund 2,5 Stunden.

» Programm: Durch den Nachmittag führt Roberto Kalin, unter anderem erwartet Sie ein Vortrag von Dr. Bußjäger.

» Tickets: 12 Euro, inklusive Kuchen und Kaffee oder Tee. Erhältlich unter der Telefonnummer 05572/501-262 oder www.vorarlbergernachrichten.at/erlebnisreisen