Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Eine Stehlampe vielleicht, ja.

29.10.2014 • 17:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Herumtrödeltag. Oder auch, mit einem hübschen Fremdwort ausgedrückt: Prokrastinier-Tag. Oder Erledigungsblockade-Tag. Einer dieser Tage, an denen man nicht einmal genug Disziplin aufbringt, um das wunderbare Programm „Freedom“ zu starten, eine Art virtuell ausgelagerte Selbstdisziplin. Man kann diese digitale Selbstdisziplin um 15 Dollar im Internet erwerben, und sie bewirkt, dass das Internet für eine selbst bestimmte Anzahl von Stunden nicht funktioniert.

Wer glaubt, dass derlei nur verwahrloste Internet-Abhängige brauchen, die den ganzen Tag im ungewaschenen Pyjama vor dem Computer sitzen, der sei auf die Credits des wunderbaren Romans „N.W.“ der wunderbaren Schriftstellerin Zadie Smith verwiesen, in welchen sie an erster Stelle ihren Nannys dankt, und an zweiter, genau, dem Programm Freedom. Auch diese Autorin hier würde gerne ihren Nannys danken, hat aber keine, was sich ungut bemerkbar macht, seit das Kindsvolk dieses Schuljahr beschlossen hat, ohne schulische Nachmittagsbetreuung auszukommen: Das alte Vorarlberger Gen springt stets zuverlässig an, wenn die Kinder aus der Schule antanzen und man es nicht lassen kann, ihnen ein Mittagessen auf den Tisch zu stellen anstatt zu arbeiten.

Allerdings, wie leider der momentane Augenblick beweist, kann man mitunter auch nicht arbeiten, wenn die Kinder in der Schule sind (keine Herbstferien im Osten), weil man dringend alle Lieblings-, Einrichtungs- und Schöne-Dinge-Blogs wie apartmenttherapy.com oder mayalade.blogspot.co.at nach neuen Einträgen durchstöbern muss. Von dort ist es nur einen Klick weit zu den Online-Tapetenhändlern (wie wallpaperdirect.com oder designyourwall.com und – meine Güte, ist das großartig! – tapetender70er.de), die man dann lückenlos durchstöbern muss, weil einem schlagartig bewusst geworden ist, dass man eine Tapete braucht, ganz dringend, und zwar eine in floralen Rot-Orange-Tönen, so eine ähnliche wie jene, die man in einer Fotostrecke über eine kanadische Ladenlokal-Wohnung auf dwell.com entdeckt hat. In das Zimmer muss mehr Power rein, so wie das jetzt ist, pfeift das nicht mehr, das sieht so leer und traurig aus, jetzt, wo man schon so viele Winkel ausgemistet hat, in denen jetzt nichts mehr ist, gar nichts, was auch nicht optimal aussieht. Eine Stehlampe vielleicht, ja, eine Stehlampe, und schon verheddert man sich in der 60er-Jahre-Design-und-Stil-Seite von eBay. Wie man von dort in die Zementfliesenseiten geraten ist, lässt sich nicht mehr sagen, aber man könnte ganze Tage lang die verschiedenen Zementfliesen-Webshops durchforsten, zementfliesen.at, designfliesen.de, nur blöd, dass man das Badezimmer erst vor ein paar Monaten neu gefliest hat.

Trödel, trödel, trödel, scroll, scroll, scroll, klick, klick. Ah, da schau her, da ist ja die Tapete aus dem kanadischen Apartment. Maira heißt sie, sehr schön.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.