Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Was ist mit den Neos los?

Vorarlberg / 09.11.2014 • 18:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das fragte sich am Freitag das Ö1-Mittagsjournal. In der Tat ergießt sich ein Jahr nach dem triumphalen Einzug in den Nationalrat viel Häme über die Jungpartei, bis zum Vergleich mit dem Schicksal des längst verblichenen LIF: „Enttäuschung in Pink“ („Die Presse“), „politischer Selbstmord“ („Kurier“) oder „Anders zu sein reicht nicht“ („Standard“). Arnulf Häfele hat in den VN Matthias Strolz die Fotos mit dem weißen Bademantel am Klavier als Hommage an Udo Jürgens vorgeworfen.

Ich kann in den Chor nur bedingt einstimmen. Wenn Eva Glawischnig mit ihrer Parteijugend Probleme wegen deren Forderung nach Cannabis-Legalisierung hat (steht im grünen Parteiprogramm, Seite 48), wird das so nebenbei erwähnt. Bei einer ähnlichen Diskussion innerhalb der Neos muss sich Matthias Strolz die Frage nach seiner Führungsstärke gefallen lassen. Wenn der Abgeordnete Gerald Loacker einen Zwölf-Stunden-Arbeitstag andenkt, was sich sogar ÖGB-Chef Norbert Loacker vorstellen kann, dann wird im Radio dem Neos-Loacker vorgeworfen, dass so einen Vorschlag nicht der Sozial-, sondern höchstens der Wirtschaftssprecher machen dürfe. Wenn Strolz sich bei Armin Wolf gegen eine in seinen Augen unfaire Frage zur Wehr setzt, wird ihm ein “wehleidig-rotziger Auftritt“ attestiert (Rainer Nowak in der „Presse). Nowak muss übrigens Wolf nicht in Schutz nehmen. Der weiß sich selbst zu helfen.

Vergessen ist offenbar, dass die Neos als einzige Partei neben den Grünen im letzten halben Jahrhundert von außen, also ohne Abspaltung von einer anderen Partei, den Einzug ins Parlament geschafft haben. Vergessen ist, dass die Neos, wie ich in einem SPÖ-Blog (!) gelesen habe, nicht als Wutbürger öffentlich über alles schimpfen, sondern via demokratischen Prozess mitbestimmen wollen. Vergessen ist, dass Österreich seit dem LIF wieder eine liberale Partei hat, wie sie in den meisten Demokratien selbstverständlich ist. Vergessen ist, dass auch andere Parteien gerade in den Anfangsjahren ihre Flügelkämpfe hatten. Kaspanaze Simma etwa weiß über die heftigen Streitereien innerhalb der Vorarlberger Grünen in den Achtziger- und zu Beginn der Neunzigerjahre ein Lied zu singen.

Natürlich haben die Neos mehr als nur ein „Kommunikationsproblem“, auf das Matthias Strolz gern verweist. Bei den ORF-VN-Diskussionen vor der Landtagswahl taten sich die Berichterstatter schwer, zitable Äußerungen der Spitzenkandidatin Sabine Scheffknecht wiederzugeben. Da kam an Inhalten herzlich wenig oder war (wie die Abschaffung der Wohnbauförderung) ein Eigentor.

Für die Wahlgänge des nächsten Jahres werden die Neos mehr bieten müssen, als bisher in der Öffentlichkeit angekommen ist (Ausnahme: Pensionen und Bildung), auch brauchbare Ideen in jenen Vorarlberger Gemeinden, in denen sie antreten werden. Denn immerhin bereichert ihre Präsenz lt. Andreas Koller in den „Salzburger Nachrichten“ „unser in rot-schwarzer Schockstarre befindliches Land um eine Koalitionsvariante, die nicht Strache heißt“. Kollers Appell: „Rettet die Neos – vor allem vor sich selbst!“

wolfgang.burtscher@vorarlbergernachrichten.at
Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landesdirektor, lebt in Feldkirch.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.