Wo Mörder im Verborgenen lauern

Vorarlberg / 10.11.2014 • 20:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Harald Krassnitzer und Reinhard Haller waren zu Gast im Lesehof, den AK und VN gemeinsam gestalten. Foto: VN/Steurer
Harald Krassnitzer und Reinhard Haller waren zu Gast im Lesehof, den AK und VN gemeinsam gestalten. Foto: VN/Steurer

Mehr als 300 Besucher haben sich bei Harald Krassnitzer und Reinhard Haller Kriminalliteraturtipps abgeholt.

Feldkirch. ™ Aber so klingt er doch gar nicht, der Kriminaltango. Julian Wolf (Saxofon) und Lukas Hamberger (Klavier) lassen vielmehr „Les Écureuils“ (Eichhörnchen) übers Parkett huschen. Lieb klingt das. Unbelastet. Etwa so friedvoll setzte David Lynch 1986 seinen surrealen Thriller „Blue Velvet“ in Szene. Entzückende Bilder einer Kleinstadt in den USA stehen am Anfang: Kinder gehen über Zebrastreifen, ein Feuerwehrmann fährt winkend vorbei, Blumen wiegen sich im Sommerwind . . . und dann liegt da ein abgeschnittenes Ohr im Gras. Setzt der wahre Schrecken immer banale Normalität voraus?

Primar Reinhard Haller wird später an diesem Abend beim Lesehof in der AK in Feldkirch sagen: „Wenn Sie sich vor Mord schützen wollen, müssen sie nicht dunkle Gassen meiden oder den finsteren Wald.“ Seine Zunft, die Psychiatrie, benennt die gefährlichsten Augenblicke so: „Wenn sie mit einem 20 bis 30 Jahre alten, leicht angetrunkenen Mann in Streit geraten“, dann sollten sie sich fürchten. Ein Raunen geht durch den Saal. Blicke werden getauscht.

Zwei Stunden Schlaf

Der 54-jährige Schauspieler und beliebte Tatort-Kommissar Harald Krassnitzer hat zwei Bücher mitgebracht. Bis in die Morgenstunden stand er für die ZDF/ORF-Produktion „Meine Frau, eine Fremde“ unter der Regie von Lars Becker in Wien vor der Kamera. Dann zwei Stunden Schlaf, und ab in den Flieger nach Vorarlberg.

Krassnitzers erste Lesefrucht hat Wolfgang Schorlau geschrieben. Schorlau zählt zu den begehrtesten deutschen Krimiautoren der Gegenwart. In „Die letzte Flucht“ löst sein Privatermittler Georg Dengler nicht nur das Rätsel um Tod und Vergewaltigung einer Neunjährigen. Vor allem wird die kriminelle Energie der Pharma-Industrie zum Thema. Und „mit leichter Hand“ fügt Schorlau noch die Geschichte vom Widerstand gegen Stuttgart 21 hinzu. Das ist Krassnitzer bei der Auswahl von Krimilektüre wichtig. Ein realer Hintergrund, der für den Leser Zusatznutzen stiftet. Sein zweites Buch, „Morituri“ von Yasmina Khadra, legt der Leserschaft zusätzlich das aufs Nachtkästchen, was in Algerien an Trümmern übrig blieb vom Arabischen Frühling.

Aus beiden Büchern liest er vor. Beide Bücher bestechen durch ihre Sprache. Die ausgewählten Szenen lassen die Zuhörer atemlos zurück. Da ist der Europachef eines internationalen Pharmariesen, Dirk Assmuss, der eines Tages in Berlin entführt und in tagelangen Interviews gezwungen wird, schonungslos Bilanz zu legen über seine Zunft: „Wir verkaufen Hoffnung“, gibt er zu Protokoll. Freilich trügerische Hoffnung. 2000 Kilometer Luftlinie entfernt macht sich Commissaire Llob auf den Weg zur Arbeit. Das heißt, er versucht, in dem vom Terror täglich erschütterten Algier lebend anzukommen. Hinter dem Autoren-Pseudonym Yasmina Khadra verbirgt sich Mohammed Moulessehoul, ehemals hoher Offizier der algerischen Armee, der in seinen Romanen die dramatische Geschichte seiner Heimat Revue passieren lässt.

Norwegen im Sommer 2011

Das Buch, das Reinhard Haller seiner Bibliothek entnommen hat, ist kaum weniger dramatisch. Geschrieben hat es Anne Holt. Sie war Polizistin, Anwältin und wenige Monate Justizministerin in Norwegen. Die Geschichte vom Tod eines achtjährigen Mädchens siedelt sie an im Sommer 2011. Exakt am 22. Juli, als dem Täter Anders Breivik bei dem Bombenanschlag in der Innenstadt von Oslo und einem Amoklauf auf der kleinen Insel Utøya 77 Menschen zum Opfer fallen. Klar, dass diese Kulisse den psychiatrischen Gerichtsgutachter vielbeachteter Fälle wie Jack Unterweger oder Franz Fuchs reizt. Leistet das Internet Wahnsinnigen wie Breivik oder den Touristen in Sachen Terror Marke IS Vorschub?, fragt Krassnitzer.

Das anonyme Töten am Bildschirm senke in der Tat die Hemmschwelle, bestätigt Haller, der freilich der These, jeder tauge zum Massenmörder, so nichts abgewinnen kann. Intensiv kommen die beiden Kapazitäten in Sachen Abgründe der Seele vor Publikum ins Gespräch. Bis hin zum Projekt Europa, dem Krassnitzer bei aller gegenwärtigen Skepsis der Menschen doch alle Chancen einräumt. So klingt der Abend vergnüglich und tröstlich gleichermaßen aus. So tröstlich wie Alfred Reeds „Ballade“, welche die Musiker vom Landeskonservatorium den Gästen noch mit auf den Nachhauseweg geben.

Harald Krassnitzer und Reinhard Haller waren zu Gast im Lesehof, den AK und VN gemeinsam gestalten.  Foto: VN/Steurer
Harald Krassnitzer und Reinhard Haller waren zu Gast im Lesehof, den AK und VN gemeinsam gestalten. Foto: VN/Steurer

Drei Krimis

» Wolfgang Schorlau, Die letzte Flucht, 2011, Kiepenheuer & Witsch

» Yasmina Khadra, Morituri, 1999, Haymon Verlag

» Anne Holt, Schattenkind, 2012 bei Piper