Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Heimweh

Vorarlberg / 11.11.2014 • 19:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Was wären wir ohne Erinnerung“, sagt der Eisenmann. Ich nenne ihn den Eisenmann, weil er so unbeirrbar seinen Weg geht, und wenn er noch so steinig ist. Er war drei Wochen verreist, weit weg, und das Heimweh hatte ihn wieder nach Hause geführt. Ob ich es normal finde, dass er in seinem Alter noch Heimweh hat?

Ich glaube, es gibt wenige Menschen, die kein Heimweh haben, und wenn sie auch ohne Heim herumirren, sehnen sie sich trotzdem nach etwas Vertrautem, einer Hülle, in die sie hineinkriechen können.

„Dann muss ich also nicht zum Arzt deswegen“, sagt der Eisenmann. „Die Erinnerung begleitet mich das ganze Leben, je näher ich der Zukunft bin, umso mehr. Fahre ich am Schwimmbad vorbei, sehe ich die Jugendfreunde, wie sie geschwommen, gesprungen sind und Angeber waren, damals, jetzt liegen schon einige auf dem Friedhof.“

Ich sah zwei Mädchen Tempelhüpfen, gibt es das noch, fragte ich mich, spulte zurück, und ich war es, die zwei Felder auf einmal nehmen konnte und gewann. Ein Schauder lief mir über den Rücken, ich blieb stehen und schaute zu. Der Pferdeschwanz des einen Mädchens hüpfte auf und ab, sie lachten, eine war beleidigt, weil sie verloren hatte, sie warf die Kreide hin und scherte aus.

„Und wenn ich am Feld vorbeigehe, wo wir früher Fußball gespielt haben“, sagt der Eisenmann, „ertappe ich mich, wie ich eine Coladose vor mir her tschutte.“

Ich wurde als Zehnjährige in ein Ferienlager geschickt, erst freute ich mich auf die vielen andern Mädchen, nach zwei Tagen überfiel mich das Heimweh, und ich fragte mich: Wonach habe ich Heimweh? Wer wartet auf mich? Sind doch alle froh, dass ich weg bin. Kann die Tante endlich einmal durchschnaufen. Andere Mädchen schrieben Briefe, und eine wurde sogar frühzeitig abgeholt. Ich erzählte den Mädchen, was für ein wunderbares Zimmer ich hätte, ein Himmelbett und Rüschenvorhänge, ich konnte schwindeln, so viel ich wollte, sie würden es nicht überprüfen.

Ich hielt drei Wochen durch, und als ich dann wieder an meinem Platz war, gab ich damit an, wie schön es gewesen war, und am liebsten würde ich gleich wieder weggehen. Das frische Schwarzbrot mit Butter und Marmelade dort, immer am Nachmittag, man durfte so viel nehmen, wie man wollte . . .

Ich kenne eine Frau, die mit ihrem Mann in eine fremde Stadt gezogen ist. Sie abonnierte unsere Zeitung, las unsere Todesanzeigen, sie wurde krank vor Heimweh und nie mehr gesund. Sie fand keine neuen Freunde, weil sie den alten nachtrauerte. Einmal besuchte ich sie und fand sie mit eingezogenen Schultern in ihrem Wohnzimmer. An den Wänden hingen Fotografien aus ihrem Dorf.

„Hätte ich Kinder, wäre wahrscheinlich alles leichter, die würden mich in die fremde Gesellschaft einführen. Dann wäre ich hier zu Hause, aber so lebe ich nur in der Erinnerung.“

„Ich muss gehen“, sagte der Eisenmann und schreckte mich aus meinen Gedanken auf.

„Ich auch“, sagte ich.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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