Einladung zum Handeln

Vorarlberg / 14.11.2014 • 16:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wenn der Weg des Lebens ein Talent ist, können auch Einschränkungen und Behinderungen Talente sein.
Wenn der Weg des Lebens ein Talent ist, können auch Einschränkungen und Behinderungen Talente sein.

Wer wagt, der gewinnt – wer nichts wagt, der gewinnt nichts. Dieses Sprichwort scheint wie geschaffen für unsere gegenwärtige Finanzwelt. Dass Risiko eben riskant ist – Inflation, Währungsschwankungen, Krisen usw. – haben die letzten Jahre deutlich gezeigt.

Das biblische Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14-30) scheint diese moderne Wirklichkeit verblüffend gut abzubilden. Gab der Gutsbesitzer seinen drei Verwaltern doch eine Summe Geld, mit der sie umgehen sollten, für die damalige Zeit sogar viel Geld: dem einen fünf, dem anderen drei und dem dritten ein Talent. Schon damals galten offenbar den heutigen Spielregeln sehr ähnliche. Nur wer bereit ist, sein Kapital zu investieren und aufs Spiel zu setzen, der kann auch gewinnen.

Das Bild der Talente

Von Jesus wissen wir, dass er gern in Gleichnissen gesprochen hat. Es war eine seiner Möglichkeiten, Gott und sein Reich zur Sprache zu bringen. Das Spezielle der Gleichnisse ist, dass sie einen doppelten Boden haben. Vielleicht könnte man sagen: Die Ereignisse scheinen sich auf der Oberfläche abzuspielen, was sie zuerst unverdächtig macht. Bei genauerem Hinsehen lassen sie aber einen tieferen Sinn erahnen. Darum sind Gleichnisse manchmal rätselhaft. Man vernimmt eine Geschichte, aber sie ist so erzählt – so einfach oder so kompliziert –, dass man sich unwillkürlich fragt: Was hat das zu bedeuten? Warum sagt der Erzähler nicht gleich, was er eigentlich meint? Das, was gemeint ist, lässt sich aber nicht so leicht und oft sogar überhaupt nicht in ein Statement fassen. Vom Himmelreich lässt sich nur in Gleichnissen und Bildern reden.

Was könnte der Schatz/das Talent in diesem Gleichnis bedeuten? Es ist das, was uns anvertraut ist: das Leben überhaupt, aber auch alle Chancen und Möglichkeiten, Geld und Gut gehören dazu, Gaben und Begabungen. Der Weg unseres Lebens ist ein Talent. So verstanden, können auch Einschränkungen und Behinderungen Talente sein. Beeindruckende Menschen habe ich in dieser Hinsicht erlebt.

Seine Talente einsetzen?

Drei Verwalter erhalten eine Summe je nach ihren Fähigkeiten, zwei investieren sie und machen damit Gewinn. Der dritte vergräbt sein Geld, aber er liefert es wenigstens komplett bei seinem Herrn ab. Trotzdem wird er nicht nur gescholten, er wird hart bestraft.

Das Talent, das Geld, wird als Symbol für die Gaben, die uns gegeben werden, gedeutet. In den Gaben liegen auch unsere Aufgaben. Wir werden ermutigt, nicht unter unserem Niveau zu leben, sondern mit unseren Fähigkeiten an einer heileren Gesellschaft zu arbeiten.

Der dritte Verwalter geht auf „Nummer sicher“ und versteckt das Geld aus Angst vor der Strenge seines Herrn an einem sicheren Ort, weil er nichts riskieren will. Er war korrekt und zweigte kein Scherflein vom Geld für sich ab. Aber er tat auch nichts damit, und das war das Problem. Irgendwie klingt das fies. Da hat jemand Angst, will auf Nummer sicher gehen und landet doch in Ungnade. Geht es uns nicht auch öfter so, dass wir im Rückblick denken, manches verpasst zu haben. Dann sehen wir die, die alles besser können, viel toller sind und die doch so viel mehr Talent haben, und wir trauen uns nichts mehr zu.

Angst um die „weiße Weste“

Das Gleichnis macht auf den Ernst der Lage aufmerksam. Es ist wie mit vielen Dingen im Leben. Wer nur davon träumt und es nicht anpackt, schafft es auch nicht. Wer nur davon redet, ein guter Sportler zu sein und nicht trainiert, wird keiner.

Das Reich Gottes – schon hier und jetzt – steht und fällt mit der Bereitschaft von Menschen, sich mutig ins Spiel zu bringen, nicht nur im Vertrauten des Privaten, sondern in allen Bereichen menschlichen Lebens. Die Einstellung, nichts zu riskieren und sich aus allem herauszuhalten, damit nur ja nichts passiert, hat nichts mit diesem Reich Gottes zu tun. Es fordert couragiertes Engagement. Das kann schiefgehen, gewiss. Aber gerade in dieser Hinsicht ermutigt das Evangelium immer wieder: Auf die liebende Vergebung dürfen Gestrauchelte hoffen.

Dr. Karoline Artner,

Werk der Frohbotschaft
Batschuns

Wenn der Weg des Lebens ein Talent ist, können auch Einschränkungen und Behinderungen Talente sein.
Wenn der Weg des Lebens ein Talent ist, können auch Einschränkungen und Behinderungen Talente sein.