Halbgott in Weiß

Vorarlberg / 16.11.2014 • 18:15 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ärzte – die männliche Sprachform ist hier bewusst gewählt – sind die besseren Menschen. Sie schweben irgendwie über der Welt und über uns, dem gemeinen Menschenvolk. Wir merken es, wenn wir sie um einen zeitnahen Termin bitten, in ihren Wartezimmern auf Einlass hoffen oder in ihren Augen bang nach heilbringenden Zeichen suchen. Und nur ganz selten wagt es der Eine oder die Andere, die allumfassende Ärztemeinung zweifelnd zu hinterfragen.

Mit der heute Europa beherrschenden Debatte über Sterbehilfe wird es uns wieder jäh bewusst. Ärzte sind tatsächlich unsere Halbgötter in Weiß. Das zeigt ein in Deutschland von vier namhaften Medizinern eingebrachter Gesetzesentwurf zum assistierten Suizid. Das neue Gesetz soll gleichzeitig Rechtssicherheit schaffen, Freiräume für ein selbstbestimmtes Sterben belassen, den Lebensschutz stärken, Suizide verhindern und lebensfeindlichem sozialem Druck vorbeugen. Das alles, so führt dieser Vorschlag aus, wird erreicht, indem Ärzte im Auftrag des deutschen Staates Beihilfe zur Selbsttötung leisten. „Wie großartig!“, denkt sich auch Österreich und weist das hiesige Volk an, ein begeistertes „Wir wollen das ebenfalls!“ zu rufen.

Obschon rechtlich verankert, scheint menschliche Würde in der heutigen Zeit nicht voraussetzungslos, sondern untrennbar mit unserer Leistungsfähigkeit verbunden. Nur die, die es zu etwas bringen oder gebracht haben, scheinen uns und unserer würdig zu sein. Das zeigt diese Debatte. Statt hilflos, sollten wir lieber gar nicht mehr sein wollen. Statt dahinzuvegetieren, sollten wir lieber in Würde sterben wollen.

Und, unter der Hand gesprochen, spart uns das ja auch Kosten! Das sind die Wahrheiten, derer sich die Urheber dieses Gesetzesentwurfs bedienen.

In einer Zeit der Sorge um die Sorgefähigkeit der Gesellschaft halte ich das für unverantwortlich. Der Entwurf rahmt die Idee einer sich auflösenden Gesellschaft, in der Menschen nicht nur das Recht haben, mit Hilfe anderer aus dem Leben zu scheiden. Manche werden sich auch gedrängt fühlen, dieses Recht in Anspruch zu nehmen. Ich bezweifle, dass eine Gesellschaft Einzelne dazu legitimieren darf, menschenwürdige Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen. Das stellt eine Überforderung dar. Für alle. Auch für den Arzt, unseren Halbgott in Weiß.

amanda.ruf@vorarlbergernachrichten.at
Amanda Ruf ist Geschäftsführerin des Vereins Amazone.
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