„Keine kleinen Erwachsenen“

Vorarlberg / 17.11.2014 • 21:38 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
PROCS-Chefin Ananas Girmai (Bildmitte) im Gespräch mit den VN. Foto: VN/Hofmeister
PROCS-Chefin Ananas Girmai (Bildmitte) im Gespräch mit den VN. Foto: VN/Hofmeister

Die PROCS-Chefin spricht im VN-Gespräch über die Kinderrechte-Situation in Äthiopien.

SCHWARZACH. Ananas Girmai spricht am Donnerstag bei der Gala zum 25. Geburtstag der UN-Kinderrechts-Charta in Dornbirn. Girmai leitet in Äthiopien das Projekt PROCS, in dem sie Kindern hilft, von der Straße wegzukommen und Kinder in den Schulen unterstützt.

Äthiopien ist eines der Länder, das die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet hat. Wird das Land dem gerecht?

GIRMAI: Die Realität sieht anders aus. In der Konvention steht: Jedes Kind hat das Recht auf Bildung. Wenn ein äthiopischer Vater aber nicht will, dass sein Kind eine Schule besucht, dann passiert ihm nichts. Denn die Konvention wurde in Äthiopien nie in Gesetzen formuliert.

Schläft da die Regierung?

GIRMAI: Die Regierung tut, was sie kann. Sie denkt eben anders. Der Regierung ist wichtig, wie viele Schulen es im Land gibt. Diese Zahlen lassen sich international vergleichen. Wie die Situation in den Familien und Schulen aussieht, vergisst sie aber zu fragen.

Wie sieht die Situation in den Schulen aus?

GIRMAI: In den Schulen ist die Armut genau so sichtbar wie auf der Straße. Kinder haben dort mit denselben Problemen zu kämpfen. Es gibt zum Beispiel Schulen, die von morgens in der Früh bis 15 Uhr dauern, und die Schüler in dieser Zeit nichts zu essen bekommen. Darum haben wir die Strategie unseres Projekts ein wenig geändert.

Inwiefern?

GIRMAI: Bisher sind wir in die Slums gegangen und haben versucht, die Kinder von der Straße wegzubringen. Das macht die Regierung mittlerweile auch. Sie holt die Familien und baut neue Häuser und Schulen. Die Menschen bleiben allerdings arm. Um an diese Kinder zu kommen, gehen wir jetzt vermehrt in die Schulen.

Und was machen Sie dort?

GIRMAI: Wir haben 2013 ein neues Programm ins Leben gerufen, um den Schülern zu helfen. Das beginnt mit Essensprogrammen, geht über Schreibutensilien bis zu Schuluniformen.

Die Kinderrechts-Charta der UN feiert den 25. Geburtstag. Welches ist das wichtigste Kinderrecht?

GIRMAI: Kinder brauchen Schutz. Kinder müssen den richtigen Schutz bekommen, um Kind sein zu dürfen. Es sind keine kleinen Erwachsenen. Dazu zählt natürlich der Schutz vor Gewalt. Die Kinder, die bei uns im Programm sind, sind dafür bekannt, aufzustehen und nein zu sagen. Das hat auch schon Streit mit den Lehrern gegeben, da die gerne mal zu einem Schlag ausholen. Die Kinder wissen, dass sie wertvoll sind und Rechte haben.

Sie haben im Jahr 2001 das Straßenkinderprojekt PROCS (Protection, respect, opportunity for children on the street) ins Leben gerufen. Was hat sich seitdem verändert?

GIRMAI: Sehr viel. Äthiopiens Wirtschaft wächst, es gibt Geld und Essen. Aber unter der Oberfläche hat sich wenig geändert. Es gibt immer noch Mütter, die ihre neunjährigen Kinder arbeiten schicken müssen, damit sich diese wenigstens die Schule leisten können. Der Unterschied ist, dass es nun immerhin ein paar Arbeitsstellen gibt. Aber die Schere zwischen Arm und Reich wächst auch in Äthiopien.

Wie haben Sie die vergangenen Jahre erlebt?

GIRMAI: Wir konnten vielen bedürftigen und armen Menschen helfen. 35 Kinder haben es auf Universitäten geschafft. Wir wollen den Kindern helfen, sich zu öffnen und ihr Potenzial auszuschöpfen. Das hat oft funktioniert.

Wie können Menschen wie wir Ihnen und Ihrem Projekt helfen?

GIRMAI: Ohne die Unterstützung hier wäre unsere Arbeit gar nicht möglich. Auch die Caritas in Vorarlberg macht sehr viel. Die Caritas ist sozusagen das Auge der Menschen. Sie kommt und schaut, was mit der Hilfe passiert. Zudem kommen viele junge Menschen zu uns, um zu helfen und das Projekt kennenzulernen. Und die bleiben sehr engagiert.

Die Kinder wissen, dass sie wertvoll sind und Rechte haben.

Ananas Girmai

Zur Person

Ananas Girmai

Betreut heute mit ihrem Team 150 Kinder in Addis Abeba. 100 Straßenkinder und 50 Kinder in den Schulen.

Ausbildung: Studium der Soziologie in Addis Abeba und Manchester.

Projekt: Gründete 2001 ein Hilfsprojekt (PROCS) für Straßenkinder in der Hauptstadt Äthiopiens.