Wertes oder unwertes Leben

Vorarlberg / 17.11.2014 • 21:08 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Frage, wie weit der Mensch tatsächlich in die Menschwerdung eingreifen darf, wird vermutlich immer schwer zu beantworten sein.  
Die Frage, wie weit der Mensch tatsächlich in die Menschwerdung eingreifen darf, wird vermutlich immer schwer zu beantworten sein.  

LR Bernhard hält neues Fortpflanzungsgesetz bei Pränataldiagnostik für bedenklich.

Schwarzach. (VN-mm, fei) „Alle sollen Elternschaft leben können, unabhängig von der sexuellen Orientierung.“ Mit diesem Teil des neuen Fortpflanzungsgesetzes hat Gesundheitslandesrat Christian Bernhard keine Probleme. Unbehagen bereitet ihm jedoch die geplante Regelung zur Präimplantationsdiagnostik (PID). Sie soll zwar weiterhin verboten, in Ausnahmefällen aber möglich sein. Bernhard sieht damit trotz eingezogener Schranken die Tür in eine Baby-nach-Maß-Zukunft sich öffnen. Ihn persönlich erschrecke der Gedanke, dass die Entwicklung von Leben davon abhängig gemacht werden soll, ob es die erforderlichen Charakteristika aufweist. Die Entscheidung darüber hält er schlicht für Anmaßung.

Nicht einschätzbare Situation

Den Einwand, dass die Abtreibung von kranken oder behinderten Föten bis kurz vor der Geburt ja auch erlaubt ist, lässt er nur bedingt gelten. „Diese Möglichkeit besteht schon lange, die PID ist jedoch neu“, spricht Bernhard von einer nicht einschätzbaren Situation. Er ist außerdem der Ansicht, dass niemand, auch kein Arzt, das Recht hat, darüber zu entscheiden, ob ein Leben wert oder unwert ist. Er weiß um die ungeheure Schwierigkeit dieses Themas, erklärt aber auch ganz offen: „Persönlich möchte ich das nicht. Wir sind noch nicht bereit für
die Präimplantationsdiagnostik.“ Ebenso klar ist Christian Bernhard, dass der Gesetzgeber auf persönliche Befindlichkeiten wenig Rücksicht nimmt. „Das Fortpflanzungsgesetz wird so kommen“, ist er überzeugt. Dennoch will er die zur Begutachtung zugesandte Novelle vor einer endgültigen Stellungnahme gründlich diskutiert haben.

Die Novelle definiert bei der Anwendung von PID folgende Szenarien: Sie kann bei einem nachgewiesen hohen Risiko einer schweren, nicht behandelbaren Erbkrankheit, die dem Kind ein Leben nur unter starker Beeinträchtigung, schwerster Hirnschädigung oder schwersten Schmerzen möglich macht, angewendet werden. Ebenso nach drei erfolglosen künstlichen Befruchtungen sowie nach drei Fehlgeburten zur Überprüfung der Lebensfähigkeit des Embryos.

Neben der PID, die Bernhard noch diskutieren will, würden die anderen Veränderungen der Novelle im „Alltag im Kinderwunschzentrum am LKH Feldkirch höchstens als eine kleine Randerscheinung“ bemerkbar werden, urteilt Oberarzt Norbert Loacker, Leiter des Kinderwunschzentrums. Insbesondere die Samenspende für homosexuelle Frauen spiele in Vorarlberg eine untergeordnete Rolle: „Da maximal ein lesbisches Paar pro Jahr vorstellig wird, ist die Nachfrage nach Insemination gering.“ Wesentlich findet der Gynäkologe jedoch die Tatsache, dass die Eizellspende in Österreich nun erlaubt wird. Doch werde es äußerst schwierig sein, Spenderinnen zu finden, „solange es keinen finanziellen Anreiz gibt, da die vorausgehende Hormontherapie körperlich strapaziös ist“. Grundsätzlich sieht Loacker in der Überarbeitung des Gesetzes einen längst fälligen Schritt in die richtige Richtung: „Man hat hier dem Druck nach einer modernen, zeitgemäßen Anpassung endlich nachgegeben.“

 

Kritik und Zuspruch

Bedauerlich findet der Frauenarzt hingegen, dass die Möglichkeit einer Einfrierung von Eizellen in dieser Reform ausgespart wurde, obwohl diese sukzessive an Bedeutung gewinne: „Dieses heiße Eisen muss auf eine weitere Gesetzesnovelle warten.“

Trotz Kritik seitens Kirche und katholischer Verbände verteidigt VP-Justizminister Wolfgang Brandstetter die Novelle: „Wir haben einen Konsens gefunden, zu dem ich zu 100 Prozent stehe.“

Dem Druck nach moderner Anpassung nach­gegeben.

Norbert Loacker

Das neue Fortpflanzungsgesetz

» Auch gleichgeschlechtlichen weiblichen Paaren wird der Zugang zur medizinisch unterstützten Fortpflanzung geöffnet.

» Bei der In-Vitro-Fertilisation wird die Möglichkeit einer Samenspende durch Dritte geschaffen.

» Befruchtete Eizellen sollen nur mehr in jenem Quantum eingesetzt werden, das nach medizinwissenschaftlichem Stand für eine Schwangerschaft notwendig ist. So sollen Mehrlingsschwangerschaften vermieden werden.

» Es gibt eine verpflichtende ärztliche Beratung.

» Eizellenspenden für nicht fortpflanzungsfähige Frauen werden erlaubt.

» Die Präimplantationsdiagnostik soll nur unter besonderen Voraussetzungen innerhalb genau definierter Grenzen möglich sein.