Trittsicherheit finden in großen Lebensfragen

Vorarlberg / 20.11.2014 • 19:21 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wie lebt man spirituell? Die evangelische Theologin Anemone Eglin zeigte Wege auf.

Bregenz. ™ Den dritten und letzten Abend der Ökumenischen Gespräche 2015 eröffnete die Schweizer Theologin Anemone Eglin im Bregenzer evangelischen Pfarrsaal mit der Beurteilung, dass Gott sich überall und deshalb auch in ganz alltäglichen Vorgängen finden lässt. So bedeutet Spiritualität nicht, „sein eigenes Seelengärtlein zu pflegen“. Im Gegenteil besteht sie aus einer Bewegung nach innen und einer Bewegung nach außen. Am Beginn des Weges nach innen steht die Stille. Eglin zitiert die Schweizer Benediktinerin Silja Walter: „Wie soll ich wahrnehmen, dass Gott da ist, wenn ich nicht schweige?“ Also steht am Anfang das Innehalten, „wenigstens einen Atemzug lang“. Einfach, um eine Ahnung zu bekommen „für das Unfassbare dahinter“.

Anemone Eglin, die das Institut Neumünster nahe Zürich leitet, nennt fünf Voraussetzungen für ein spirituelles Leben. Der Mensch braucht genügend Schlaf. Er soll einen gesunden Lebensstil pflegen. Er soll sich bewusst Menschen widmen, die ihm nahe sind und sich außerdem täglich Zeit für Gebet und Meditation nehmen. Erst an fünfter Stelle kommt die tägliche Arbeit. Was aber gewinnt ein Mensch, der all das beherzigt? Er erlangt Trittsicherheit in den großen Lebensfragen. Indem er das Leben im Jetzt einübt, gewinnt er an Präsenz. „Wir denken permanent an Vergangenes, fürchten uns vor der Zukunft. Aber wir sollten jetzt leben.“ Indem sich der Mensch

aufgeho-

ben weiß in einem größeren Ganzen, lernt er die Wirklichkeit zu sehen und nicht nur die Konzepte, die unser Verstand unermüdlich erstellt. „Wir sehen die Dinge allzu oft nur, wie wir sie gerne haben wollen.“

Das Empfinden von Geborgenheit öffnet den spirituellen Menschen für die Solidarität mit anderen. Die Zuversicht des Sich-getragen-Wissens schenkt gerade im Alter Hoffnung. Dann, wenn die Welt beginnt, kleiner zu werden, weil die Augen und Ohren nachlassen und Weggefährten für immer gehen. Und diese Hoffnung nährt letztendlich den Lebenssinn. Der paart sich gern mit Dankbarkeit: „Nehmen Sie einmal an der Bushaltestelle für einen Augenblick bewusst wahr: Was sehe ich? Was höre ich? Was rieche ich?“, rät Anemone Eglin. Daraus erwächst Liebe zum Gewöhnlichen. Und Dankbarkeit dafür, dass es diese Welt gibt. Denn „nichts ist selbstverständlich“. Spirituell leben, das bedeutet nicht, zwei Stunden ruhig sitzen zu können, sondern sensibler zu werden für seinen Alltag.