Angst vor dem Identitätsverlust

Vorarlberg / 21.11.2014 • 20:10 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Unabhängigkeitsbestrebungen in Schottland und Katalonien führen eine Entwicklung in Europa vor Augen, die auf zwei unterschiedlichen, aber miteinander verwobenen Ebenen abläuft. Oberflächlich betrachtet scheinen die sich nach den Weltkriegen ausgebildet habenden nationalstaatlichen Machtstrukturen dem wachsenden Bedürfnis nach mehr politischer Mitbestimmung und Selbstverwaltung auf regionaler und lokaler Ebene nicht mehr gerecht zu werden. Unter dieser Decke jedoch verbirgt sich ein weit komplexeres und vor allem gefährliches Problem.

Bei aller Notwendigkeit der Europäischen Union und bei allen Vorzügen der Globalisierung fordern diese beiden Faktoren auch einen psychologischen Tribut: Wie definiert man sich als Europäer oder gar als Weltbürger? Woran und wodurch lässt sich seine eigene Identität festmachen, wenn einen das Gefühl beschleicht, dass lokale Belange von nationalen Verwaltungskörpern, die als Erfüllungsgehilfen einer Brüsseler Bürokratie agieren, die wiederum unter dem Diktat einer internationalen Wirtschaftslobby steht, geregelt werden?

Diese subjektive Angst vieler Menschen vor dem Identitätsverlust mündet allzu leicht in einen dumpfen Nationalismus. Doch der kennt keine Demokratie, nur ein Gegeneinander, ein Ausgrenzen. Die Wir-sind-wir-Mentalität baut Grenzmauern in die Höhe, lässt keine Wurzeln in die Tiefe sprießen. Seine Identität findet man aber nur im Miteinander. Im Miteinander von Ländern, Staaten, Union.

Umso entscheidender ist die Stärkung des Föderalismus, der demokratischen Strukturen folgt und den Regionen maximal möglichen Spielraum zur Selbstverwaltung und Selbstbestimmung bieten muss. So fördert man Selbstverwirklichung und Identitätsstiftung auf regionaler Ebene und dämmt den Nationalismus ein. Eine Einsicht, die nun auch Finanzminister Hans Jörg Schelling ereilte: Er will sich in der föderalistischen Schweiz informieren, wie er den Ländern beim neuen Finanzausgleich mehr Steuerautonomie zugestehen kann – eine Absichtserklärung.

Besonders Vorarlberg braucht starke föderalistische Strukturen. Blicken die Augen der Menschen doch mehr Richtung Deutschland und Schweiz denn nach Wien und Brüssel. Das war schon bei der Fußacher Schiffstaufe so.

Nationalismus kennt keine Demokratie, nur ein Gegeneinander, ein Ausgrenzen. Er treibt keine Wurzeln.

andreas.feiertag@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-722