Der Papst und das Ländle

Vorarlberg / 21.11.2014 • 18:28 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Statue Imperia erinnert satirisch an das Konzil von Konstanz (1414–1418). foto: dpa
Die Statue Imperia erinnert satirisch an das Konzil von Konstanz (1414–1418). foto: dpa

Auch in Vorarlberg war schon ein Papst. Allerdings war er auf der Durchreise, und es ist schon lange her. Genau gesagt 600 Jahre. Er kam von Bologna mit einem großen Tross angereist und erreichte gegen Ende Oktober den Arlberg. Kurz vor Klösterle kippte der Reisewagen um und der Papst stürzte, da es schon geschneit hatte, in den Schnee, fluchte und gab dem Teufel die Schuld. Passiert ist sonst nichts. Bludenz empfand er als einen Ort „zum Füchsefangen“. In Feldkirch wurde übernachtet, und bald erreichte die Reisegesellschaft ihr Ziel: Konstanz. Dort fand nämlich das Konzil statt. Dieser Papst hieß Johannes XXIII. Aber er war nicht der einzige. Zwei andere, Gregor XII. in Rom und Benedikt XIII. in Avignon, waren zur selben Zeit auch Papst. Es war die Zeit des abendländischen Schismas. Auf Betreiben von König Sigismund sollte der Übelstand auf dem Konzil beseitigt werden. Johannes eröffnete die große Kirchenversammlung am 5. November 1414 und war sich sicher, dass ihm seine beiden Gegenspieler unterliegen werden. Doch es kam anders. Bald nach seinem gloriosen Einzug in die Konzilsstadt bekam er starken Gegenwind zu spüren. Man bezichtigte ihn allerlei Schandtaten. Da ergriff er – als Stallknecht verkleidet – nächtens die Flucht, wurde aber gefasst, eingesperrt und schließlich vom Konzil für abgesetzt erklärt. So rasch kann Ruhm verfliegen.

Gipfeltreffen der Mächtigen

In den vier Jahren, in denen das Konzil tagte, gab es in Konstanz mit seinen etwa 6000 Einwohnern über 70.000 Gäste aus der ganzen damaligen Welt. Die Stadt wurde zum Mittelpunkt des damaligen Geschehens, zum Zentrum der Christenheit, zum Schmelztiegel der Kulturen. Zum Großereignis reisten geistliche Machthaber, Fürsten, Theologen und Professoren an. Sie brachten Sekretäre, Köche, Bäcker, Schneider und Friseure mit. Das Geschäft der Wirte und Geldwechsler boomte. Künstler ließen sich nieder. Es gab Feste, Turniere, Tänze, Musik. Und es ging um Macht und Geld. Auch der einäugige Minnesänger Oswald von Wolkenstein war als Konzilsbeobachter angereist. Er beklagte sich über die hohen Kosten in den Freudenhäusern. Dass manchmal die, die sich für groß und unwiderstehlich halten, es in Wahrheit gar nicht sind, hat der Bildhauer Peter Lenk mit seiner Skulptur „Imperia“ anschaulich gemacht. Sie steht im Konstanzer Hafen vor dem Gebäude, in dem das Konzil einst stattfand, und grüßt die ankommenden Besucher: Eine üppige Kurtisane, die sich um die eigene Achse dreht und auf ihren Handflächen zwei runzelige, zwergenhafte Gestalten trägt. Sie sehen aus wie König und Papst. Lenk betont, dass es sich hierbei um „Gaukler“ handelt, die sich widerrechtlich der Insignien bemächtigt haben.

Das Resümee

Der größte Erfolg der Konferenz war die Beendigung der fast vierzig Jahre dauernden Kirchenspaltung. Der neue und nun einzige Papst war ab 1417 der Italiener Oddo di Colonna. Er gab sich den Namen Martin V., weil er an Martini – dem 11. November – gewählt wurde. In der anderen Causa, der Frage, wie verbindlicher Glaube zu definieren sei, wurde ein Ketzerprozess geführt. Der böhmische Theologe und Reformator Jan Hus war zum Konzil eingeladen. Der König versprach ihm freies Geleit. Er wollte dort seine Ideen präsentieren. Er stand für einen individuellen Glauben und nicht für einen verordneten, war gegen Reliquienkult, Ablasshandel und die Verehrung von Bildern. Er monierte die Scheinheiligkeit vieler Kleriker. Hus traf noch vor Konzilseröffnung in Konstanz ein und wurde von Johannes XXIII. freundlich empfangen.

Aber bald wendete sich das Blatt. Papst und König ließen ihn aus „diplomatischen“ Erwägungen fallen. Er wurde verhaftet und wegen Ketzerei zum Tod durch Verbrennung verurteilt. In Anspielung auf den Namen „Hus“, der im Tschechischen „Gans“ bedeutet, hat Martin Luther – nicht ganz bescheiden – gesagt: „Man hat eine Gans gebraten, aber hundert Jahre später wird man einen Schwan singen hören.“ Er hat sich selbst damit gemeint.

In der Glaubensfrage hat das Konzil versagt. Die Folge waren die Hussitenkriege. Anderes war leichter zu lösen: In der „Biberfrage“ etwa entschied das Konzil, dass die Tiere, da sie im Wasser leben und mit ihrem schuppigen Schwanz an Fische erinnern, auch in der Fastenzeit genossen werden dürfen.

Der andere Papst

Als Angelo Roncalli 1958 zum Papst gewählt wurde, gab er sich den Namen Johannes XXIII. Somit wurde der Gegenpapst mit demselben Namen endgültig aus der Liste der Päpste gestrichen. Johannes XXIII. bleibt in Erinnerung als der, der 1962 das 2. Vatikanische Konzil einberufen hat und auf die Frage, was er damit bezweckt, wortlos ans Fenster seines Arbeitszimmers getreten ist, um die beiden Flügel weit zu öffnen.

Vor nicht einmal zwei Wochen hat die evangelische Kirche Papst Franziskus zur Feier des Reformationsjubiläums in drei Jahren eingeladen. Das Gedenken an den Beginn der Reformation durch Martin Luther 1517 sei ein Anlass, „mit mehr Klarheit und Nachdruck unsere Einheit in Christus vor der Welt zu bezeugen. – Wir möchten das gerne gemeinsam mit Ihnen im Zeichen der Liebe Gottes feiern.“

Wolfgang Olschbaur,
Schwarzach,
evangelischer Pfarrer i. R.

Die Statue Imperia erinnert satirisch an das Konzil von Konstanz (1414–1418). foto: dpa
Die Statue Imperia erinnert satirisch an das Konzil von Konstanz (1414–1418). foto: dpa