„Geschenk an uns Menschen ist die bedingungslose Liebe“

Vorarlberg / 21.11.2014 • 21:57 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

„Die Liebe macht groß und schenkt Achtung und Würde“, sagt Bischof Benno Elbs.

Die Adventzeit ist Vorbereitung auf das Fest der Liebe. Wie kann man den Menschen näherbringen, dass Gott die bedingungslose Liebe ist?

Elbs: Advent, das möchte unseren Blick auf das Wesentliche richten. Gott, und damit Leben, Licht, Liebe, Gerechtigkeit, Freude, soll ankommen in dieser unserer Welt, in dieser Welt mit Dunkel und Licht, mit Kälte und Wärme, mit Grausamkeit und Zärtlichkeit, mit Krieg und Frieden. Was von diesen Gegensätzen dem Göttlichen entspricht, das liegt für jeden Menschen klar auf der Hand, und doch ist es oft unter Lärm und Geschäftigkeit verschüttet.

Was ist Liebe? Liebe heißt, den andern groß machen. Das ist die Botschaft des Kindes in der Krippe: Niemand muss sich klein machen. Gott macht sich klein und dadurch macht er den anderen groß. Liebe heißt, den andern Menschen groß werden lassen, ihm Achtung und Würde schenken. Liebe heißt auch, den anderen aufrichten. Eine Schülerin erzählte diese Woche unter Tränen von tragischen Schicksalsschlägen in ihrer Familie. Berührend wird sie von einer Freundin getröstet, ihre Seele wird aufgerichtet durch diese Solidarität. Jesus richtet Menschen auf.

Liebe an sich und die bedingungslose Liebe Gottes ganz im Speziellen ist aber auch ein Geschenk. Schenken setzt voraus, dass man den, den man beschenkt, ganz annimmt, schätzt und gern hat. Weihnachten ist so ein Geschenk – und der Advent ist die Zeit, in der wir uns dieses großen Geschenks der bedingungslosen Liebe bewusst werden können. Da geht es dann in erster Linie nicht um Worte, sondern um das, was man lebt. Der heilige Franziskus hat einmal gesagt: „Verkündet das Evangelium und, sollte es nötig sein, auch mit Worten!“ Man muss sich diesen Satz vielleicht mehr als einmal laut vorsagen, damit man versteht, was damit alles gemeint ist. Von der guten Botschaft erzähle ich am authentischsten, am wahrsten, indem ich sie vorlebe. Die Liebe hat entscheidend damit zu tun, wie ich lebe.

Wie kann man diese Liebe im Alltag leben?

Elbs: Die Liebe hat tausend Gesichter. Sie beginnt in unserer unmittelbaren Umgebung, in der Familie, im Freundeskreis. Der Advent ist eine Zeit der Nächstenliebe. Viele Hilfsaktionen und Hilfsorganisationen geben gerade in den kommenden Wochen wieder Gelegenheit dazu. Das ist eine Möglichkeit. Für mich heißt Liebe im Alltag leben auch, dass ich zum Beispiel Kranke besuche, mit Gefangenen, Drogensüchtigen, Obdachlosen, Flüchtlingen zusammenkomme, ihnen zuhöre, an ihrem Schicksal Anteil nehme. Das ist etwas, das uns eigentlich das ganze Jahr über begleiten sollte.

Eine zeitgemäße Art, die Nächstenliebe zu leben, ist für mich, einem Mensch zu sagen und ihn spüren zu lassen: Du gehörst dazu; ich höre dir zu; ich rede gut über dich; ich gehe ein Stück mit dir; ich teile mit dir; ich besuche dich. Und noch eines scheint mir bedeutsam, zu sagen: Ich bete für dich. Wenn wir durch Angst, Schicksalsschläge, Tod an Grenzen kommen, kann das Gebet eine Hilfe sein, die eine Tür der Hoffnung öffnet.

Wie zu allen Zeiten erleben wir Krisen, Kriege, Armut, Hunger, allerdings in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Gier, Kälte und Egoismus sind unerträglich geworden. Papst Franziskus nennt die Ursachen beim Namen. Wie kann gegengesteuert, der Liebe wieder Raum gegeben werden?

Elbs: Genau das ist ja im Grunde genommen die Botschaft von Weihnachten: Gott kommt in diese Welt mit ihrem Dunkel und ihrer Kälte. Das ist die Situation von Bethlehem: Gott wird überall abgewiesen. Es gibt keinen geschützten Platz für ihn. Das erleben wir auch heute tausendfach, und die modernen Medien erweitern und vervielfachen unsere Wahrnehmungshorizonte.

Ja, es stimmt, Papst Franziskus spricht in Verbindung mit Gier und Egoismus auch von einer „Wirtschaft der Ausschließung und der Ungleichheit, die tötet“. Er sagt Nein zur neuen Vergötterung des Geldes und Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt.

Der Papst meint damit aber nicht, dass wir auf andere zeigen sollen und Sündenböcke suchen. Ein jeder und eine jede von uns kann in seinem Lebensbereich dazu beitragen, der Liebe und dem Leben mehr Raum zu geben. Dazu braucht es zum Beispiel auch eine Form der intelligenten Reduktion nach dem Motto „Weniger ist mehr“, gerade in Bezug auf unseren Lebensstil. Wir dürfen unsere Erde nicht einfach schonungslos ausbeuten. Wir sollten so leben, dass es für alle Menschen reicht. Wir sollten unseren Enkeln eine Welt hinterlassen, eine Schöpfung, die gesund ist, eine Welt, die atmet. Gandhi sagte einmal: „Wenn die Welt atmet, atmen wir. Wenn die Welt aufhört zu atmen, dann hören auch wir auf zu atmen.“ Wir tragen Verantwortung für den Atem unserer Welt.

Ein einfühlsamer Pädagoge weiß, wie wichtig Bildung ist, wie wertvoll unsere Kinder sind, denen wir Verantwortungsbewusstsein, Achtsamkeit, Sozialkompetenz vermitteln müssen. Wo ist konkret anzusetzen für eine positive Zukunftsentwicklung?

Elbs: Kinder, junge Menschen wissen eigentlich recht genau, wie sie sich eine ideale Welt vorstellen. Sie träumen von einer guten Welt. Sie sehnen sich nach Heimat, Geborgenheit, Sicherheit, Angenommensein. Dasselbe wünschen sie sich auch für andere Menschen. Diese Träume sind wie Schätze, die in der Seele von jungen Menschen schlummern. Ein guter Pädagoge versucht diese Träume zu wecken und ihnen Raum zu geben, in der Überzeugung: Wenn einer träumt, dann ist es ein Traum. Wenn viele träumen, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit. Gerade junge Leute setzen sich gerne und mit viel Begeisterung für eine gerechtere und liebevollere Welt ein. Wir Erwachsenen können viel von ihnen lernen. Wenn wir uns für andere einsetzen, dann erfahren wir, dass wir dabei selbst beschenkt werden. Das ist wohl das größte Weihnachtsgeschenk, das man sich und anderen machen kann.