Verspätet zur Hochzeit gekommen

Vorarlberg / 21.11.2014 • 20:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Besucher der VN-Leserausfahrt in der Fußacher Bucht und damit direkt am Ort des damaligen Geschehens.  Fotos: VN/Paulitsch
Die Besucher der VN-Leserausfahrt in der Fußacher Bucht und damit direkt am Ort des damaligen Geschehens. Fotos: VN/Paulitsch

Der heroische Kampf um die „Vorarlberg“ schrieb ganz besondere Geschichten.

Fußach. Auf der Hochzeitsurkunde von Waltraud und Dietrich Jäger steht als Datum der 21. November 1964. Gestern Freitag feierten sie goldene Hochzeit. Eigentlich wollten sie auf ein Fest verzichten, doch die Familie machte dem Jubelpaar einen Strich durch die Rechnung. Schließlich fanden sie sich auf der VN-Jubiläumsausfahrt der „Vorarlberg“ wieder. Am Hochzeitstag vor 50 Jahren sah Dietrich Jäger allerdings nur Probleme. „Ich musste in Bregenz den Brautstrauß abholen und bin mitten in die demonstrierende Menschenmenge geraten“, berichtet er. Mit Folgen: Die Braut musste warten. Doch letztlich endete alles im Guten. Die Ereignisse rund um Fußach brachten viele besondere Geschichten hervor, über die mit viel Begeisterung bei der Ausfahrt an den Ort des Geschehens geplaudert wurde.

Fast 200 Teilnehmer waren dabei, als das Motorschiff „Vorarlberg“ auf historischen Spuren wandelte. Ulrike Bösch feierte gleich ihren Geburtstag mit. Während andere um ein Schiff kämpften, lag ihre Mutter nämlich im Krankenhaus in den Wehen.

Im Kreißsaal

„Sie erzählte mir immer wieder, wie alle im Kreißsaal nur über Fußach redeten und sich niemand so recht um die Schwangeren kümmerte.“ Da empfand es die Tochter geradezu als Pflicht, die Ausfahrt mitzumachen. Ihr Mann Michael überraschte sie mit diesem Ausflug. Luzia und Heinz Ullmann waren vor 50 Jahren sogar höchstpersönlich vor Ort. Zuerst in Bregenz, dann in Fußach. „Ich würde heute wieder aufstehen“, meint der 86-Jährige im Brustton der Überzeugung. Denn: „Das Recht geht vom Volk aus.“

Fünfzig Jahre sind fürwahr eine lange Zeit, aber es gibt Ereignisse, die überdauern alles. Bei Trude Nagel brannte sich Fußach besonders ins Gedächtnis ein. Denn die heute 86-Jährige nahm dort eine ganz besondere Rolle ein. Sie wurde aus Tausenden von friedlichen Demonstranten als Taufpatin für die „Vorarlberg“ auserkoren. „Reiner Zufall“, beeilt sich die rüstige alte Dame zu betonen. Selbst stand Trude Nagel felsenfest hinter der Aktion. „Es war höchste Zeit, dass man denen in Wien einmal sagte, was Vorarlberg ist“, erklärt sie mit immer noch kräftiger Stimme.

Wasser statt Sekt

Dass für die Schiffstaufe, die zu einer Nottaufe geriet, kein Sekt zur Verfügung stand, spielte damals keine Rolle. Eine Flasche mit Wasser musste reichen. Trude Nagel plagten andere Sorgen. Sie fühlte sich mit der ihr auferlegten Aufgabe irgendwie überfordert. „Vor allem hatte ich Angst, die Flasche würde nicht kaputtgehen“, plaudert sie aus ihren Erinnerungen, grad so, als ob sich alles erst gestern abgespielt hätte. Die Bedenken erwiesen sich als unbegründet. Die Flasche zerschellte, wie es sein sollte, am Bug des neuen Bodenseeschiffs. Und die Bevölkerung jubelte. Die Atmosphäre von einst wurde auch wieder lebendig, als die „Vorarlberg“ in die Fußacher Bucht einfuhr. Die Schiffsgäste belagterten das Deck, um einen Blick auf den zur geschichtlichen Legende gewordenen Ort zu werfen. Für die passende Geräuschkulisse sorgten Tonaufnahmen der 20.000 aufgebrachten Vorarlberger. „Bei einem solchen Ereignis muss man dabei sein“, meinte ein Besucher beeindruckt. Damit die Erinnerung daran lange anhält, gab es für alle zum Abschied zwei Fläschchen Sekt des Jahrgangs „50 Jahre Fußach“.

Die Titelseite der Vorarlberger Nachrichten am 21. November 1964.
Die Titelseite der Vorarlberger Nachrichten am 21. November 1964.
Die Besucher der VN-Leserausfahrt in der Fußacher Bucht und damit direkt am Ort des damaligen Geschehens.  Fotos: VN/Paulitsch
Die Besucher der VN-Leserausfahrt in der Fußacher Bucht und damit direkt am Ort des damaligen Geschehens. Fotos: VN/Paulitsch
Die Gäste wurden mit Kaffee und Kuchen verwöhnt.
Die Gäste wurden mit Kaffee und Kuchen verwöhnt.
Die DVD zum Geschehen fand zahlreiche Abnehmer.
Die DVD zum Geschehen fand zahlreiche Abnehmer.
Für die stolze Kapitänsmannschaft der geschichtsträchtigen MS Vorarlberg war das Jubiläum ebenfalls etwas Besonderes.
Für die stolze Kapitänsmannschaft der geschichtsträchtigen MS Vorarlberg war das Jubiläum ebenfalls etwas Besonderes.

Fußach-DVD

Die VN produzierten eine 27-minütige

Dokumentation mit Peter Bußjäger, Zeitzeugin Trude Nagel und vielen Originalaufnahmen von damals, bestellbar im VN-Webshop: https://shop.vorarlbergernachrichten.at/