Zukunftsängste und Armut belasten viele Familien

Vorarlberg / 21.11.2014 • 19:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Drillinge sind für alle Eltern eine besondere Herausforderung. Frühzeitige Hilfe kann das Überforderungsrisiko senken.  Foto: Netzwerk  
Drillinge sind für alle Eltern eine besondere Herausforderung. Frühzeitige Hilfe kann das Überforderungsrisiko senken. Foto: Netzwerk  

Das Netzwerk Familie begleitet und unterstützt seit fünf Jahren frühzeitig.

bregenz. (VN-mm) Ziel ist es, Familien und Alleinerziehende in schwierigen Verhältnissen möglichst früh zu erreichen und dann entsprechend zu unterstützen, denn das erste Jahr ist nachweislich prägend für die Entwicklung eines Kindes, auch was die Gesundheitserwartung betrifft. Inzwischen hat sich das von verschiedenen Einrichtungen getragene Angebot etabliert. „Im vergangenen Jahr nahmen 30 Prozent der Familien aus Eigeninitiative Kontakt zu uns auf“, konnte Christine Rinner zum Jubiläum eine positive Bilanz ziehen.

Kaum Zugang zu Medizin

Es gibt aber eine Kehrseite. Laut dem Kinder- und Jugendarzt Harald Geiger wachsen fünf bis zehn Prozent der Kinder in belastenden Familiensituationen auf. Die Hauptfaktoren sind Armut oder Armutsgefährdung und Zukunftsängste. Das vereitelt vielfach den Zugang zu medizinischer Betreuung. „Damit steigt das Risiko einer Entwicklungsstörung und lebenslangen Gesundheitsbeeinträchtigung“, verdeutlicht Geiger. Studien zufolge lässt sich das für Depressionen, Herzerkrankungen, Diabetes, Adipositas und Suizid nachweisen. Mit Hinweis auf 25 Jahre Kinderrechte merkte der Arzt an: „Ein Höchstmaß an erreichbarer Gesundheit zählt auch zu den Kinderrechten.“ Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Kindheit ebenfalls als wichtigste Zeitspanne für lebenslange Gesundheit definiert. „Wir Kinder- und Jugendärzte sind froh, dass es das Netzwerk Familie gibt“, erklärte Harald Geiger. Er sieht die Stärkung der Familien und damit der Kinder jedoch insgesamt als Auftrag einer in der Komfortzone lebenden Gesellschaft.

Aufmerksame Ärztin

Schwierigkeiten in der Bewältigung des Alltags haben aber nicht nur sozial schwächere Schichten. „Auch für ganz normale Familien kann die Geburt eines Kindes zur Belastungsprobe werden“, weiß Christine Rinner. Sie erzählt von Sonja, deren Leben nach der Geburt des Sohnes aus den Fugen geriet. Die junge Frau sollte glücklich sein, war es aber nicht. Eine aufmerksame Ärztin vermittelte sie schließlich an das Netzwerk Familie. Rinner zufolge gab es bei 20 Prozent der betreuten Frauen klare Anzeichen einer nachgeburtlichen Depression. Der Druck, alle Erwartungen erfüllen zu müssen, sei vielfach groß. Da brauche es noch viel Aufklärung.

Alexandra Wucher, die mit Rinner das Netzwerk leitet, wünscht sich, dass die Thematik auch in allen Ausbildungen verankert wird, die mit Kindern und Familien zu tun haben. Was sie freut: „Es gelingt, Familien früh zu erreichen. In 64 Prozent sind die Kinder unter drei Monate alt.“ Die Familien werden bei Bedarf zwei Jahre begleitet. Danach kann eine Weitervermittlung erfolgen.

Drillinge sind für alle Eltern eine besondere Herausforderung. Frühzeitige Hilfe kann das Überforderungsrisiko senken.  Foto: Netzwerk  
Drillinge sind für alle Eltern eine besondere Herausforderung. Frühzeitige Hilfe kann das Überforderungsrisiko senken. Foto: Netzwerk  

Fakten 2009–2013

» 638 Anfragen wurden verzeichnet

» 11.794 Kontakte gab es in dieser Zeit

» 975 Kinder wurden betreut

» 276 Kinder waren 0–3 Monate alt