Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Seid ihr dafür nicht zu groß?

Vorarlberg / 26.11.2014 • 20:04 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Aktueller Stand der Zählung: einmal 21 (es fehlt: 3, 12 und 23), einmal 19 (fehlend: 3, 4, 7, 9 und 24) Stoffsäckle gefunden. Bitte, ich hatte schon schlechtere Ergebnisse. Und bitte, ich war schon einmal viel später dran, so um den
2. oder 3. Dezember herum, wenn die Kinder draufkamen, dass eigentlich längst Advent ist, und man selber noch völlig plemplem hoffte, der Adventkalenderfluch würde dieses Jahr ganz unbemerkt vom Nachwuchs an einem vorüberziehen, als würde etwas wie ein Adventkalender nicht exisitieren, nirgends, weder in diesem noch in einem anderen Raum-Zeit-Kontinuum.

Hahaha, sagten die Kinder gestern, als ich fragte, ob sie denn für einen Adventkalender nicht schon zu groß sind, hahaha, träum weiter. Ja, aber wurde nicht erst letzte Woche von euch der Beschluss gefasst, zur Figur- und Gesundheitsschonung den Verzehr von Zuckerzeugs drastisch einzuschränken?

Trotzdem wollen wir einen Adventkalender.

Und was soll dann drinn sein?

Denk dir was aus.

Denk dir was aus: das schlimmste vorstellbare Szenario. Denk dir was aus. Überleg dir, was mir gefallen könnte. Schau in meine Seele und erkenne, was mir Freude macht. Das geht immer schief. Da gibt es immer Tränen, auf der einen oder der anderen Seite. Der erste Adventkalender im Leben der Kinder war noch so ein altmodischer Bildchenkalender. Beim zweiten erinnerte man sich an die wunderbaren selbstgebastelten Adventkalender der eigenen Kindheit, an die Streichholzschachtelhäuser und die Sackerl-Bäume, setzte sich hinter die Maschine und nähte, obwohl einem dafür jegliches Talent fehlt, 48 Filzsackerl. (Was man bis heute jedes Jahr am 30. November bitter bereut, wenn man sich hinter die Maschine setzt und sieben bis zehn neue Sackerl näht, die übers Jahr einfach weggezaubert wurden.) Die Säckchen füllte man mit Süßigkeiten, das kam gut an.

Leider wollte man es im nächsten Jahr zuckerfreier und pädagogisch wertvoller machen, begab sich also heiteren Herzens in so einen Bio-Fair-Trade-Superpädagogik-Spielzeugladen und füllte sein Körbchen mit Minispielzeug, Murmeln, Tierfigürchen, nur ein paar herzige Kleinigkeiten, die insgesamt 96 Euro kosteten und noch monatelang jedes Mal, wenn eine dieser Kostbarkeiten unter Sofas, Schuhen, Matratzen oder im Abfluss auftauchte, ein bitteres Tränchen kostete. Aber man lernte die Lektion und kaufte im Jahr darauf im Hongkong-Laden ein paar billige Sticker-Bögen, aus denen man Pferdchen, Pokemönchen, Barbiechen, Mickymäuschen, Kätzchen, Hündchen und andere Pickerl schnitt, in die Säckchen füllte und dann den ganzen Dezember jeden Morgen weinende Kinderchen tröstete, weil wieder nichts im Säckchen war, das ihnen gefiel. Seither wieder: Süßigkeiten. Und jetzt: Denk dir was aus. Um Gottes Willen.

Wie viele Stoffsackerl fehlen heuer wieder? … Ich hole schon mal die Nähmaschine.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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